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Impuls für den Monat

 

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Jeweils am 1. des Monats stellen wir eine neue Meditationsübung ein.

 

Januar 2022

Geistliche Schriftbetrachtung
zur Jahreslosung 2022: Joh. 6,37

„Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.
Dieses Schriftwort aus dem Johannesevangelium, Kapitel 6, Vers 37, steht als Jahreslosung über dem neuen Jahr 2022, das vor einigen Tagen begonnen hat. So eine Jahreslosung kann ein Leitmotiv für mein Leben in diesem neuen Jahr werden, ein Impuls, der mich in meinem Vorhaben und Planen leitet, in meinen Begegnungen und in meinem Reden, Empfinden und Handeln.
Ich lade Sie dazu ein, in der Stille dieses Wort Jesu für Sie selbst zu bedenken. Was bedeutet es mir? Hier und heute? Dazu richte ich mich zunächst in der stillen Betrachtung ein:
Ich mache mir bewusst, wie ich jetzt da sein kann:
Meine Füße oder Beine sind verbunden mit dem Boden, der mich trägt.

Ich spüre den Kontakt durch die Kleidung zur Sitzfläche.

Mein Rücken ist aufgerichtet, die Wirbelsäule gerade, bis hinauf zum Kopf; wie über einen Faden nach oben hin gehalten, sitze ich aufrecht – die Augen geschlossen.

Die Arme und Hände ruhen im Schoß.

Meine Sinne sind nach innen gerichtet: nichts muss ich jetzt um mich herum sehen oder hören.

Ich achte auf meinen Atem, nehme wahr, wie er kommt und geht.

Meine Gedanken sind wie die Wolken am Himmel – ich lasse sie ziehen.

So kann ich nun gegenwärtig sein vor Gott, der mich anschaut mit den Augen der Liebe.
Ich bete:

Gott, du allein weißt,
wie mein Leben gelingen kann.
Lehre mich,
in der Stille deiner Gegenwart
das Geheimnis meines Lebens zu verstehen.
Hilf mir loszulassen,
was mich daran hindert, dir zu begegnen
und mich von deinem Wort ergreifen zu lassen.
Hilf mir zuzulassen,
was in mir Mensch werden will
nach dem Bild und Gleichnis,
das du in mich hineingelegt hast. (Amen.)

Ich lese nochmals das Wort aus Johannes 6,37:
„Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“
Mancher, der oder die die Lutherversion dieses Wortes im Ohr hat, wird sich vielleicht erinnern an die Formulierung: „… werde ich nicht hinausstoßen.“ Abweisen, hinausstoßen, ablehnen, zurückweisen, vor die Tür setzen – all dies und manches andere klingt in der griechischen Vokabel des Urtextes mit an. Für den Augenblick lasse ich das dahingestellt. Im Moment kommt es auf die feinen Töne noch nicht an.
Stattdessen widme ich mich zunächst dem Schauplatz, innerhalb dessen dieser Satz fällt, und lasse ihn vor meinem inneren Auge erstehen:
Ich sehe vor mir das Ufer eines großen Sees. Es ist der See von Tiberias. Man übersieht die weitläufige Wasserfläche, in der Ferne einzelne kleine Fischerorte am Seeufer.

Am Vortag fand hier in der Nähe ein großer Volksauflauf statt. Viele Menschen aus der Umgebung, ja Tausende waren zusammengekommen, um Jesus von Nazareth zu hören, diesen vollmächtigen Prediger, der so Vieles und Gutes von Gott zu erzählen wusste. Von seinen Worten ging etwas Heilsames aus, etwas das der Seele gut tut, sie in der Gewissheit der Gemeinschaft mit Gott birgt.
Nachdem die Zusammenkunft länger dauerte, waren die Leute hungrig geworden. Dann gingen plötzlich Körbe mit Brot und Fischen durch die Reihen. Wie durch ein Wunder waren alle satt geworden. In Jesu Nähe fand man offenbar nicht nur für die Seele, sondern auch für den Leib die notwendige Nahrung.

Doch heute war alles anders. Als die Menschen, die gestern noch diese erfüllenden Begegnungen mit Jesus hatten, wieder an die Stelle kamen, wo er predigte und wo er sie an Leib und Seele sättigte, fanden sie weder ihn noch seine Jünger.
Einige stiegen in ein Boot, um ihn zu suchen, und fuhren ins nahegelegene Örtchen Kapernaum – und dort fanden sie ihn am Ufer des Sees.
Ich stelle mir diese überraschende Begegnung vor: Was mag die Leute in diesem Augenblick bewegt haben? Welche Gefühle? Jetzt, wo sie ihn wiedergefunden hatten.

Und dann höre ich Jesus reden. Er sagt: „Ihr seid zu mir gekommen, weil ihr Brot gegessen habt und satt geworden seid. Kümmert euch aber auch um die Speise, die die Seele nährt. Kümmert euch um das Brot des ewigen Lebens.“

Und weiter sagt er: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“

Und schließlich sagt er: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Ich bleibe an diesem „Abweisen“ hängen, an der Erfahrung, zurückgestoßen zu werden. Abgelehnt zu sein. Die Tür vor der Nase zugeschlagen bekommen. Wo habe ich das schon erlebt? Vielleicht erst in jüngster Zeit?

Mit welchem Gefühl bin ich aus dieser Erfahrung herausgegangen? Was geht mir davon noch nach?

Ich höre, dass es in der Gemeinschaft Jesu genau so nicht sein soll. Wenn ich bei ihm bin, im Kontakt zu ihm stehe, dann werde ich nicht abgewiesen, nicht weggeschickt.
Ich nehme mir Zeit, im Gebet diesen Zuspruch zu hören und zu bedenken.
Was heißt denn dieses „Zu-ihm-Kommen“?

Ist es eine neue Erstbegegnung für mich? Wie ein erste Einladung? Wie ein Besuch im Haus von jemandem, bei dem ich noch nie war, wohin ich aber jetzt eingeladen bin?

Die Vorfreude auf die Begegnung ist in mir; die Spannung, vielleicht auch Anspannung: Wie wird das sein? Was wird mich erwarten?

Vielleicht mischt sich auch etwas Unsicherheit oder Aufregung mit hinein?

Oder ist dieses Zu-Ihm-Kommen ein Zurückkehren? Ein Wieder-Ankommen nach einer längeren oder kürzeren Zeit des Getrenntseins?

Wie wird das sein, wenn wir uns wieder gegenüberstehen, in die Augen sehen?

Werden wir uns gleich erkennen? Wird erst einmal eine Fremdheit zwischen uns sein?

Was werden wir uns zuerst zu sagen haben? Womit sollen wir unser Gespräch beginnen? Oder vielleicht erst einmal gar nicht sprechen und nur schweigend beisammen sein?

Vielleicht empfinde ich aber auch überhaupt nichts hiervon: Die Gemeinschaft mit Jesus ist für mich weder neu noch ungewohnt. Ich bin einfach nur da, in seiner Gegenwart – wie immer.

Vielleicht war es mir einfach nur nicht mehr so bewusst, aber jetzt ist es gleich wieder da, dieses Gefühl einer Begegnung.

Oder es ist so, dass ich immer noch auf der Suche bin nach Jesus, nach seiner Gegenwart – so wie die Menschen am See von Tiberias. Ich wäre gerne in seiner Nähe, aber ich weiß nicht, wo ich ihn finden kann.

Wie es auch für mich sein mag – jetzt, heute –, ich höre in diese meine jetzige Situation hineingesprochen das Wort Jesu: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“
Ich höre:
„Wer ganz neu und erstmalig zu mir kommt, den werde ich nicht zurückweisen.“

Ich höre:
„Wenn wir uns wieder begegnen, so werde ich nicht abweisend sein.“

Ich höre: „Wer sich meiner Gegenwart neu bewusst wird, von dem werde ich mich nicht abwenden.“

Ich höre:
„Wer mich sucht, von dem lasse ich mich finden.“

Ich nehme mir Zeit für ein kurzes Gebet in der Stille und beschließe es mit dem Vaterunser

Nun kehre ich zurück an den äußeren Ort, den ich für meine Betrachtung gewählt habe. Ich nehme mich wieder wahr, wie ich sitze oder knie…, öffne meine Ohren und meine Augen für das, was mich umgibt.
Ich danke Gott mit einer kleinen stummen Geste für seine Gegenwart.
Im Anschluss an diese Betrachtung nehme ich mir Zeit, mir das Wahrgenommene noch einmal zu vergegenwärtigen, das Wort in seinem Zusammenhang in Joh. 6 nochmals für mich zu lesen. Ich nehme mir – vielleicht auch zu einem späteren Zeitpunkt an diesem Tag – Zeit für einen Spaziergang, für eine weitere Gebetszeit oder auch dafür, Gesehenes und Gehörtes zu Papier zu bringen, malend oder schreibend…
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag und ein gesegnetes neues Jahr.

 

Februar 2022

Impuls
mit einem Text von Karl Rahner

„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, sagt ein Sprichwort… Aber man kann bei solchen Worten auch einmal die andere Seite der Wirklichkeit zu sehen versuchen, die sie uns so leicht verbergen. Und darum kann man auch einmal sagen: Lob den Tag schon vor dem Abend. Dann empfängst du ihn nicht mit Misstrauen und Vorsicht, sondern mit dem Lob des Vertrauens und der Zuversicht, dann wird er so, dass du ihn am Abend mit Recht loben kannst. Dann geschieht es auch mit dem Tag, wie es bei Menschen, oder wenigstens bei Kindern geht: Sie werden das, wofür man sie hält. Wohlan: Loben wir doch einmal den Tag vor dem Abend;
sagen wir ihm: sei gegrüßt, Bote Gottes, kleines Kind der Ewigkeit unseres Gottes. Sei gelobt, Stückchen Zeit, das kommt, um nicht anders unterzugehen, wenn es Abend ist, als in der Ewigkeit Gottes. Sei gelobt, Tag, an dem ich ein wenig abzahlen kann an den Schulden des Herzens und der Liebe, die ich bei anderen habe, sei gerühmt, kleiner Garten der Zeit, in dem wir – mag kommen, was mag – Glaube und Liebe, die Frucht der Ewigkeit ernten können; sei herzlich willkommen, du kleiner armer Tag, ich werde dich zu einem kleinen Kunstwerk machen, zu einem seligen, ernsten Spiel des Lebens, worin alles mitspielt: Gott, die Welt und mein Herz. Meint ihr nicht, dass man den Tag am Abend sicher wird loben dürfen, wenn man ihn so betend am Morgen vor Gott gelobt hat? Karl Rahner (1904–1984) in: „Von der Kraft, täglich neu zu beginnen“ (Matthias Grünewald, Ostfildern 2020)

Karl Rahner wirbt darum, dass ich darauf achte, mit welcher Einstellung ich in den Tag gehe. Empfange ich den Tag als ein Stück Lebenszeit, die Gott mir schenkt, im Vertrauen, dass er Gutes hineinlegt? Ich kann das in diesem Monat ausprobieren.

 

März 2022

Markus 2,1-12 Meditation

Markus 2,1-12 Meditation

1. Etappe: lesen Mk.2,1und 2

Am Ort der Hoffnung, da wo Jesus ist , ist kein Platz mehr. Um Ihn herum ist dichtes Gedränge: viele Menschen, viel Lärm, viele Erwartungen, viele Wünsche und Bedürfnisse... Kenne ich solche Situationen in meinem Leben, in denen eine Sehnsucht, eine Hoffnung in mir wach wurde nach einen bestimmten Ort, nach einem Menschen, nach einer Begegnung, und es gab keinen Platz für mich, - keinen Raum, keine Zeit. Waren andere vor mir da? Kam ich zu spät? War ich vielleicht zu wenig spontan oder nicht entscheidungsfreudig?
So eine Erfahrung kann lähmen und zu Resignation oder in die Depression führen. Ich kann keine Initiative mehr entwickeln. Ich denke, es lohnt sich ja doch nicht. Ich gebe auf!. Ich bin wie gelähmt. Kenne ich solche Zeiten der Lähmung und der Resignation in meinem Leben?

2. Etappe: lesen Mk.2, 3

Vier Freunde tragen den Gelähmten zu Jesus.
Kenne ich auch die Erfahrung von Getragen-werden in Zeiten der Ohnmacht, der Blockade, des Gelähmt-seins?
Welche Freunde und Freundinnen haben mich schon durch schwere Zeiten getragen oder tragen mich im Moment?
Welche Namen und Situationen steigen in mir auf?
Welche Gefühle werden da in mir wach? Wie ist das für mich, mich getragen zu fühlen? Kann ich das zulassen, kann ich das Getragen-werden von Freunden annehmen?

3.Etappe: lesen: Mk.2,3-4

Die Freunde lassen sich von den Unmöglichkeiten und Begrenztheiten der Situation nicht abhalten. In ihrem leidenschaftlichen Engagement für ihren Freund kommen sie auf schöpferische Ideen. Sie wollen dem Gelähmten unbedingt helfen und ihn vor Jesus bringen, an den Ort der Hoffnung, zu dem Menschen, von dem sie sich für ihren Freund Hilfe und Heilung erwarten. Sie werden erfinderisch und scheuen keine Mühe. Sie decken das Dach ab und lassen den Gelähmten Freund durch die Öffnung hinab – direkt vor Jesus hin...
Die Vier helfen ihrem Freund, zum Ort seiner Sehnsucht durchzustoßen, indem sie behutsam und entschlossen die Schutzdecke abnehmen, die Hindernisse wegräumen und eine Öffnung schaffen.
Manchmal braucht es solche Freunde, die unsere Schutzpanzer aufsprengen und die Ziegel unsere Abwehrmechanismen abdecken und uns helfen, durchzustoßen zu unsrem tiefsten Punkt, zum Ort unserer Wahrheit, zum innersten und echten Kern unserer Person.

4. Etappe: lesen Mk.2,5-12

Die Begegnung mit Jesus wird für den Gelähmten zu einer Begegnung mit sich selbst., mit seiner tiefsten Wahrheit und das macht ihn frei und wieder beweglich. Jesus erlöst ihn von seiner Schuld, von seiner Lebens-Verweigerung, von seinen Enttäuschungen, von seinem Selbstmitleid, und von der lähmenden Angst, Fehler zu machen und daran zu verzweifeln. „Ich sage dir: steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause!“ Die Worte Jesu sind klar und kraftvoll und stellen den Gelähmten auf seine Füße. Er sagt ein deutliches Ja zu ihm und zu seinen Lebensmöglichkeiten.
Er kann stehen. Er kann gehen. Er spürt neue Kraft in sich: Er will wieder leben! Kenne ich solche Erfahrungen von Aufgerichtet-werden, von neuer Kraft und neuer Freude am Leben, von überwundener Hilflosigkeit und neuer Initiative?
Den Disput Jesu mit den Pharisäern hat er mitbekommen, aber der interessiert ihn jetzt nicht. Aufrecht verlässt er durch die Tür das Haus. Jetzt trägt er die Tragbahre!

Neues, weites Land liegt vor ihm... Was sehe ich vor mir? Wohin bin ich unterwegs?


Reinhild von Bibra

 

April 2022

Geistliche Schriftbetrachtung
zu Römer 6,11

Geistliche Schriftbetrachtung zu Römer 6,11

Zum Ende der Passionszeit, auf Ostern hin soll uns ein Vers aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom leiten. Ich lade Sie ein, diesen Vers für sich in einigen Minuten der Stille zu bedenken. Dazu möchte ich ein paar kleine Anregungen geben.

Zunächst das Wort des Paulus:
„Haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Jesus Christus.“

Oder wie es die „Gute Nachricht“-Übersetzung ausdrückt:
„Genauso müsst ihr von euch selbst denken: Ihr seid tot für die Sünde, aber weil ihr mit Christus verbunden seid, lebt ihr für Gott.“

Ein doppelter Gegensatz bestimmt diesen Vers: der Gegensatz von Tod und Leben sowie der Gegensatz von Sünde und Gott bzw. Jesus Christus.

Tod und Leben markieren die Wende von Karfreitag hin zu Ostern. In der Reihenfolge steckt eine Umkehrung dessen, was wir gewohnt sind. Wir kennen die Reihenfolge von Leben und Tod. Dem irdischen Leben folgt der irdische Tod. Paulus will uns aber auf einen Blickwechsel führen: Dem irdischen Tod folgt das Leben in einem neuen, geistlichen Sinn. Das erleben an Ostern auch die Jüngerinnen und Jünger Jesu: Jesus ist tot, am Kreuz gestorben, und an Ostern erscheint sein Leben in verwandelter Gestalt. Er kehrt nicht zurück ins irdische Leben, sondern er lebt in der Gemeinschaft mit Gott.

Aus dieser Hoffnung dürfen auch wir leben: Sterben und Tod haben nicht das letzte Wort, sondern am Ende steht die ewige Gemeinschaft mit Gott.

Doch nun kommt die besondere Pointe des Apostels Paulus ins Spiel. Denn wer aus dieser Hoffnungsperspektive lebt, dessen Leben verwandelt sich schon hier und jetzt. Von Ostern her fällt ein Lichtglanz auf unser Leben heute – und der macht sich fest am zweiten Gegensatz, den Paulus benennt, dem Gegensatz von Sünde und Gott. Paulus verbindet Tod und Sünde und Leben und Gott. Dem wollen wir etwas nachdenken.

Zunächst kann ich mein Leben betrachten; weniger im Sinne meiner Biografie und Lebensgeschichte, sondern mehr im Sinne meiner Lebendigkeit, meiner Erfahrung zu leben.

  • Woran freue ich mich, wenn ich mir meine Lebendigkeit vor Augen führe?

Das Leben ist aber auch zwiespältig; es mutet mir einiges zu, verlangt mir einiges ab. Das Leben macht mir auch Mühe.

  • Was an meinem Leben empfinde ich als beschwerlich, als mühsam?

Ich kann Gott in einem Gebet beides hinlegen: den Dank für meine Lebensfreude und die Sorgen und Kümmernisse im Blick auf das, was mir das Leben schwermacht.

Mit den Worten „Sünde“ und „Gott“ scheint Paulus so etwas wie zwei Machtsphären zu bezeichnen. Das Wort „Sünde“ ist hochgradig missverständlich. Zum Teil wird es moralisierend gebraucht, zum Teil ist es mit unangenehmen Kindheitserinnerungen oder mit einem schlechten Gewissen verbunden. Solche Nuancen im Verständnis dessen, was „Sünde“ heißt, können zutreffend sein, sie können mir aber auch im Wege stehen. Um in meinen Gedanken nicht auf eine falsche Fährte zu geraten, klammere ich zunächst einmal aus, was ich hier und jetzt unter „Sünde“ nicht verstehen will.

Die Grundbedeutung dessen, was „Sünde“ meint, lässt sich gut so ausdrücken: „Sünde ist die Erfahrung, dass ich von Gott getrennt bin.“

  • Ich mache mir bewusst, wo und wie ich mich als von Gott getrennt erlebe.

Es gibt ein Gebet von Nikolaus von Flüe, in das ich gut alles einfließen lassen kann, was ich als trennend von Gott erlebe:
„Mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.“

Vielleicht kann ich es mehrfach vor mich hinsprechen.

Der Machtsphäre des Trennenden von Gott stellt Paulus die Machtsphäre Gottes selbst gegenüber. Gott ist stärker als die Sünde, sein Wille, mit mir in Beziehung zu treten, ist stärker als alles, was sich trennend zwischen mich und Gott schieben kann.

  • Ich mache mir bewusst, wo und wann ich Gemeinschaft mit Gott erlebe.

Auch hier kann ich mich an das Gebet von Nikolaus von Flüe anschließen:

  • „Mein Gott, gib alles mir, was mich führet zu dir.“

Zum Abschluss kann ich mir bewusstmachen, ob es etwas geben könnte in meinem Leben, das mich in der Beziehung zu Gott stärkt, etwas, worin ich mich mit Gott verbunden fühlen kann.
Wo und wie könnte dies in meinem Leben (mehr) Gestalt gewinnen? Kann und will ich es verstärken?

Ich beende meine Gebetszeit zu Röm. 6,11 mit einem persönlichen Gebet und dem Vaterunser.

© Pfarrer Dr. Peter Haigis

 

Mai 2022

Er ist nicht hier!

Er ist nicht hier

Freude, Osterjubel, fröhliche Lieder – sie gehören in die Osterzeit. In den biblischen Ostergeschichten gesellen sich zu diesen hellen, starken, fröhlichen Tönen auch noch andere Töne. Dunklere, ängstliche, zweifelnde. Freude und Furcht, Zuversicht und Zweifel – beides klingt in den Ostererzählungen an. Hören wir auf die Ostergeschichte, wie sie der Evangelist Matthäus erzählt.

Matthäus 28,1-6a
„Er ist nicht hier!“

Das sind die ersten Worte der Osterbotschaft nach dem „Fürchte dich nicht!“ des Engels. Kein Kirchenchor und Halleluja, kein großes Glockengeläut und freudestrahlende Menschen. Stattdessen bei Maria aus Magdala und bei der anderen Maria: Angst, Ratlosigkeit, Erschrecken. Die Erde, auf der sie stehen, bebt. Sie haben keinen festen Grund mehr. Alles ist durcheinander. Das Unterste wird zu oberst gekehrt. Nichts ist mehr gewiss. „Er ist nicht hier“, hören sie von dem Mann am Grab.

Das ist es, was Menschen als erstes am Ostermorgen erleben: Jesus ist nicht hier! Kein strahlender Auferstehungsjubel. Der wächst erst langsam in der folgenden Zeit. Die erste Erfahrung an Ostern ist eine andere: nämlich die von einem neuerlichen Verlust!

Das zu lesen tröstet mich. Denn da finde ich mich mitten im Ostergeschehen mit meinen Zweifeln wieder. Damit, nicht glauben zu können, dass er da ist, dass der Tod besiegt ist. Alle Ostererzählungen beschreiben diese verstörende Erfahrung, die die Frauen am Grab machen: Der, den sie suchen, ist weg. Es ist die Erfahrung der Gottesferne. Schmerzlich ist das. Schwer auszuhalten.

Eine Erfahrung, die Menschen kennen. ER ist nicht hier! In der Pandemie. In den Kriegsschrecken. In persönlichen Notsituationen. Manchmal erleben wir das: ER ist nicht hier!

Da tut es mir gut zu hören: Selbst mit meinem Nicht-Glauben-Können, mit meiner Erfahrung der Gottesferne habe ich einen Platz in der Ostergeschichte.

Wie ist das für mich? Kenne ich vielleicht solche Zeiten der Gottesferne? Und kann ich diese Zeiten ehrlich zulassen und aushalten? In denen ich wie in ein dunkles Grab hineinschaue und erlebe: Er, Gott, ist nicht hier!?

Vielleicht hilft es mir, wenn ich wahrnehmen kann: Ich bin mit dieser Erfahrung nicht allein. Ja, es ist sogar eine Ostererfahrung – auch wenn sie sich nicht so anfühlt. Aber ich teile sie mit denen, die Ostern zuerst am Grab waren.

Matthäus 28,6b-10

„Furcht“ und „große Freude“ – beides erfüllt die Frauen. Vieles ist für sie noch nicht klar, schemenhaft erst erkennbar, unverständlich. Zu neu, zu unglaublich ist das, was sie hören. Beide Töne klingen in ihnen gleichzeitig nebeneinander: Zweifel und Zuversicht. Furcht und große Freude. Langsam erst weicht das Dunkel dem Licht des neuen Tages. Ihre Seele braucht Zeit nachzukommen. Etwas von dem Auferstehungslicht hat ihr Innerstes hell gemacht. Sie lassen sich in Bewegung setzen. Weg vom Grab, zurück nach Galiläa, in ihren Alltag. Die Auferstehungskraft bewegt sie, so dass sie sich voller Hoffnung auf den Weg machen. Obwohl sie noch nicht alles verstanden haben. Obwohl völlig unklar für sie ist, was das alles bedeutet. Obwohl nicht nur große Freude in ihnen ist, sondern auch Furcht. Trotzdem machen sie sich auf den Weg. Und während sie unterwegs sind, begegnet ihnen der Auferstandene. Es wird Ostern.

Mich auf den Weg machen, auch wenn ich noch nicht überblicke, wie es weitergeht. Losgehen, weil es in mir dazu einen inneren Anstoß gibt – auch wenn ich noch nicht alles verstanden habe. Aber ich spüre: Da ist eine Kraft, die mich zum Leben führt.

Traue ich dieser Kraft? Kenne ich solche inneren Impulse? Und wie gehe ich mit ihnen um? Folge ich ihnen? Oder übergehe ich sie? Und warum? Ist meine Furcht vielleicht größer als meine Zuversicht?

Wenn ich aufbreche – möglicherweise erlebe ich, wie mir der Auferstandene auf meinem Weg begegnet. Und - es wird Ostern.

 

Juni 2022

Geistliche Schriftbetrachtung
zu 2. Mose 34,29-35

Geistliche Schriftbetrachtung
zu 2. Mose 34,29-35

Heute lade ich Sie dazu ein, in der Stille einen Abschnitt aus dem Buch Exodus zu bedenken – 2. Mose 34,29-35. Es geht um den Glanz auf dem Angesicht Moses, nachdem dieser von einer Begegnung mit Gott zurückkehrt. Zunächst richte ich mich für eine stille Betrachtung ein. Ich mache mir bewusst, wie ich jetzt da sein kann:
Meine Füße oder Beine sind verbunden mit dem Boden, der mich trägt.

Ich spüre den Kontakt durch die Kleidung zur Sitzfläche.

Mein Rücken ist aufgerichtet, die Wirbelsäule gerade, bis hinauf zum Kopf; wie über einen Faden nach oben hin gehalten, sitze ich aufrecht – die Augen geschlossen.

Arme und Hände ruhen im Schoß.

Meine Sinne sind nach innen gerichtet: nichts muss ich jetzt um mich herum sehen oder hören.

Ich achte auf meinen Atem, nehme wahr, wie er kommt und geht.

Meine Gedanken sind wie die Wolken am Himmel – ich lasse sie ziehen.

So kann ich nun gegenwärtig sein vor Gott, der mich anschaut mit den Augen der Liebe.

Ich bete:

Gott, du allein weißt,
wie mein Leben gelingen kann.
Lehre mich,
in der Stille deiner Gegenwart
das Geheimnis meines Lebens zu verstehen.
Hilf mir loszulassen,
was mich daran hindert, dir zu begegnen
und mich von deinem Wort ergreifen zu lassen.
Hilf mir zuzulassen,
was in mir Mensch werden will
nach dem Bild und Gleichnis,
das du in mich hineingelegt hast. (Amen.)

Ich lese den Abschnitt aus 2. Mose 34,29-35:

Wir kennen den Ausdruck, dass „jemand strahlt“. Ein strahlendes Angesicht, das ist das Gesicht eines freundlichen, glücklichen, von tiefer Freude erfüllten Menschen. Es tut gut, jemanden strahlen zu sehen, weil oftmals etwas überspringt von jenem Funken, der ein Gesicht leuchten lässt. Weil die Freude und auch dieses Vor-Freude-Strahlen ansteckend wirken.
Der kurze Abschnitt aus 2. Mose erzählt ebenfalls von einem strahlenden Menschen: von Mose, der gerade von einer besonderen Gottesbegegnung ins Wüstenlager der Israeliten zurückkehrte, die beiden Tafeln des Gesetzes, also des Dekalogs, der Zehn Gebote, in den Händen.
Mose strahlt, weil er Gott begegnet ist. Wie kann das geschehen – eine derart erfüllende Begegnung mit Gott? Dieser Frage möchte ich ein wenig nachspüren.
Zunächst mache ich mir bewusst: Ich kann zwar vieles tun, bewirken, herstellen, zustande bringen. Doch die Erfahrung einer solchen Begegnung mit Gott kann ich nicht einfach so hervorbringen. „Machen“ im eigentlichen Sinn des Wortes kann ich da gar nichts.
Wenn es um die Begegnung mit Gott geht, spüre ich zunächst einmal meine „Ohn-macht“. Gewiss, es mag in mir auch eine Sehnsucht danach geben, Gott zu begegnen. Doch sie steht in krassem Gegensatz zu der Ohnmacht, die ich wahrnehme: das, was ich mir ersehne, nicht einfach bewirken, ja, mir nicht einfach selbst erfüllen zu können.
Dieser Spannung zwischen Sehnsucht und Ohnmacht spüre ich ein wenig nach.

Vielleicht kann ich das, was ich dabei empfinde, in ein Gebet fassen.

Es gibt freilich noch andere Erfahrungen, die ganz ähnlich sind – wo ich ebenfalls nichts „machen“, nichts erzeugen kann, wo ich die Spannung zwischen Sehnsucht und Ohnmacht erlebe: die Liebe zwischen zwei Menschen beispielsweise

die Zuneigung des oder der anderen

das Vertrauen – und zwar sowohl das Vertrauen, das ich jemandem entgegenbringe, wie dasjenige, das jemand anderes in mich setzt.
Im Grunde können wir sagen: Alles, was sich im zwischenmenschlichen Bereich abspielt, ist im strengen Sinne nicht herstellbar, nicht zu erzeugen. So ist es auch in der Begegnung mit Gott.
Das bedeutet freilich keineswegs, dass ich mich nicht dazu verhalten könnte. Wenn wir in den Bereich des Glaubens und mithin möglicher Gotteserfahrungen hinüberwechseln, dann tun wir einen entscheidenden Schritt: den Schritt vom Handeln zum Empfangen.
Das Empfangen steht zum Glauben in einer ganz eigentümlichen Beziehung: Glaube lebt aus dem Empfangen; er ist nur im Empfangen ganz bei sich selbst.
Eine Begegnung mit Gott kann ich nicht „machen“, aber ich kann sie empfangen – oder besser: ich kann mich ihr empfangend nähern und öffnen – und das heißt „glauben“.
Das erste, wie ich mich für die Begegnung mit Gott öffnen kann, ist, dass ich mich in der Wahrnehmung übe. Und die erste Übung im Wahrnehmen ist, dass ich mich bescheide. Zum Beispiel, indem ich die Augen schließe und nur höre.

Oder indem ich auch die Ohren schließe und nur auf meinen Atem achte, ihm folge, wie er kommt und geht.

Die Begegnung mit Gott kann – zumindest von meiner Seite aus – dann am besten gelingen, wenn ich alles, was mich von einer solchen Begegnung abhalten könnte, ausschalte. Ich lasse keine Ablenkung zu, sondern konzentriere mich und öffne mich innerlich und mache mich so bereit für das, was da kommen mag.

Die Gebetsstille ist der Ort, der mich am konzentriertesten für die Begegnung mit Gott bereit machen und öffnen kann. Diese Stille erreiche ich, indem ich mir eine Zeit und einen Ort wähle, an dem ich einmal für einige Minuten, vielleicht auch für eine Stunde ganz ungestört sein kann – so wie jetzt.

Bei der Begegnung mit Gott ist es außerdem so, dass mir Gott nicht unmittelbar begegnen wird, sondern im Mittel eines „Mediums“. Die Lehrer der Spiritualität kennen eine Vielzahl solcher Medien: Es kann ein Bibelwort sein, das ich meditiere (und zu mir sprechen lasse); es kann eine Liedstrophe oder eine Melodie sein, eine Ikone, ein Bild, das ich betrachte, oder ein Sinnbild, zum Beispiel eine Blüte, ein Stück Holz, ein Stein, ein Licht.

Medien für die Begegnung mit Gott können auch Erinnerungen sein, die ich in mir trage, und die ich still betend vor Gott ausbreite. Manchmal stellt sich vielleicht wie aus dem Nichts ein Gedanke ein in der Leere und Stille, die mich umgibt, und ich sinne diesem Gedanken weiter nach. Er kann ein Geschenk Gottes sein.

Gott begegnen – wie gesagt: das kann ich nicht machen, aber ich kann mich dafür bereit halten. Die Begegnung mit Gott führt über die Haltung des Empfangens in der Gebetsstille. – Und dann wird mein Angesicht strahlen wie dasjenige des Mose.
Zum Abschluss nehme ich mir Zeit für ein kurzes Gebet in der Stille und beschließe es mit dem Vaterunser.
Dann kehre ich zurück an den äußeren Ort, den ich für meine Betrachtung gewählt habe. Ich nehme mich wieder wahr, wie ich sitze oder knie …, öffne meine Ohren und meine Augen für das, was mich umgibt.
Ich danke Gott mit einer kleinen stummen Geste für seine Gegenwart und nehme mir anschließend Zeit, um das Wahrgenommene noch einmal zu vergegenwärtigen. Ich nehme mir – vielleicht auch zu einem späteren Zeitpunkt an diesem Tag – Zeit für einen Spaziergang, für eine weitere Gebetszeit oder auch dafür, Gesehenes und Gehörtes zu Papier zu bringen, malend oder schreibend

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag.

 

Juli 2022

Meditative Impulse zur
Heilung des Blinden bei Jericho ( Mk 10, 46- 52)

Meditative Impulse
zur Heilung des Blinden bei Jericho ( Mk 10, 46- 52)

Ich möchte Sie einladen zu einer Zeit der Stille mit meditativen Impulsen. Ich werde den biblischen Text vorlesen und Sie danach mit einigen Gedanken durch den Text führen. Es wird immer wieder Pausen geben, in denen Sie über die Fragen nachsinnen können.

 

Zunächst lade ich Sie ein sich Zeit zu nehmen um Anzukommen an dem Ort, wo sie jetzt für die Dauer der Meditationszeit verweilen möchten. Lassen Sie sich nieder auf einem Hocker oder einem Kniebänkchen, an einem Ort bei dem Sie jetzt gut in der Stille da sein können. Damit Sie besser bei sich selbst ankommen können, werde ich nun in die Du-Form wechseln:

 

Ich nehme den Kontakt der Sitzhöcker zur Sitzfläche auf meinem Hocker oder Kniebänkchen wahr. Den Kontakt der Füße zum Boden oder, wenn ich knie, den Kontakt der Beine zum Boden. Und ich kann wahrnehmen: Stuhl und Boden tragen mich. Ohne dass ich etwas dazu tun muss, ich bin getragen und kann Gewicht nach unten abgeben.

 

Ich spüre entlang der Unterschenkel, Knie und Oberschenkel bis hin zum Becken. Vom Becken aus nehme ich meine Aufrichtung nach oben wahr. Ich gehe mit meiner Aufmerksamkeit die Wirbelsäule entlang, Wirbel für Wirbel bis zum Nacken.

 

Ich spüre weiter zu den beiden Schultern, von den Schultern zu den Oberarmen und Unterarmen bis hin zu den Händen, die locker im Schoss liegen oder wie eine Schale geformt sind. Ich gehe mit meiner Aufmerksamkeit weiter über Unterarme, Oberarme bis zum Nacken.

Vom Nacken aus über den Hinterkopf bis zum Scheitel.

Ich nehme den weiten Raum wahr, der sich über mir öffnet.

Ich achte auf meinen Atem, wie er kommt und geht, ganz von selbst, ohne dass ich etwas verändern oder dazu tun muss.

 

Wenn ich möchte, kann ich die mit den folgenden Worten beten:

Immerfort empfange ich mich aus deiner Hand,
das ist meine Wahrheit und meine Freude.
Immerfort blickt dein Auge mich an
und ich lebe aus deinem Blick
du mein Schöpfer und mein Heil.

Markus 10, 46 - 52: Und sie kamen nach Jericho. Und als er aus Jericho hinausging, er und seine Jünger und eine große Menge, da saß ein blinder Bettler am Wege, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Und als er hörte, dass es Jesus von Nazareth war, fing er an zu schreien und zu sagen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und viele fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und Jesus blieb stehen und sprach: Ruft ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich! Da warf er seinen Mantel von sich, sprang auf und kam zu Jesus. Und Jesus antwortete ihm und sprach: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Der Blinde sprach zu ihm: Rabbuni, dass ich sehend werde. Und Jesus sprach zu ihm: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege.

Impulse:

Bartimäus sitzt da, ein Bettler am Rand, ausgeschlossen aus der Gesellschaft, das Leben läuft an ihm vorbei.

Wir wissen auch nicht viel mehr zu seiner Person, Name und seine familiäre Herkunft, er ist der Sohn des Timäus.

Was würde er wohl auf die Frage antworten: Wer bin ich? Was würde er uns aus seinem Leben berichten? Von erfüllter Zeit und intensiven Tagen – ist es das nicht was zu unserem Leben dazugehört? Das Leben zu teilen, Anteil zu geben, miteinander unterwegs zu sein? – kostbare Momente in meinem Leben.

Sein Schicksal hingegen scheint, von außen betrachtet, besiegelt zu sein, er ist festgesetzt, beiseite gesetzt- ich frage mich: hatte er Menschen in seinem Leben, die ihn begleitet haben, die ihn gesehen haben am Rande sitzen, die sich zum ihm gesetzt haben und gefragt haben: wie geht es dir?

Auch das macht unser Menschsein aus - wir brauchen das Gegenüber, die Erfahrung, ich werde gesehen, es schaut mich jemand an und zeigt Interesse an mir - will Zeit mit mir verbringen und Freund:in oder Lebensbegleiter:in sein. Es ist ein Schatz solche Menschen in unserem Leben zu haben. Ich kann das einmal dankbar wahrnehmen.

Bartimäus findet sich nicht ab mit seinem Schicksal beiseite gesetzt zu sein, festgelegt zu sein, und ein „Ur-schrei“ bricht aus ihm heraus. Er erkennt: dass ist der Moment, in den ich alles hineinlegen muss, darauf setzte ich all meine Hoffnung. Hoffnung, dass sich etwas verändert in meinem Leben.

„Erbarme dich meiner“ – für mich ein unglaublich starker Satz. Es gehört viel dazu, das sagen zu können. Es gehört für mich zum Tapfersten, um Hilfe zu bitten. Mir selbst meine Bedürftigkeit einzugestehen, meine innere Armut wahrzunehmen und wahr sein zu lassen. Und wie viel Vertrauen liegt in diesem Satz: „Erbarme dich meiner“. Bartimäus wirft sein ganzes Vertrauen auf diesen einen Menschen, von dem er gehört hat. Das scheint auch Jesus zu beeindrucken und er bleibt stehen.

„Er ruft ihn“ – Jesus möchte diesem Menschen begegnen, von Angesicht zu Angesicht, mit ihm sprechen und zuhören, was seine Sehnsucht ist. Er geht nicht vorüber, sondern lässt sich aufhalten von diesem Schrei nach Leben.

„Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ ist die Frage Jesu. Freiheit schwingt für mich mit in dieser Frage - ich darf sagen, was ich mir wünsche. Gott respektiert meinen Wunsch, meine Sehnsucht, meine Schritte des Vertrauens. Er wird mir nichts überstülpen, mich nicht überschütten mit Möglichkeiten, die ich selbst vielleicht noch gar nicht fassen kann. Er möchte so in Beziehung mit mir sein, wie ein Freund, der gerne mit mir zusammen ist und Zeit verbringt und von dem ich sicher sein kann, dass er mich liebt. Das ist sein Angebot - und ich darf in Freiheit darauf antworten.

„Und sogleich wurde er sehend“ - nur ein Satz zu dieser lebensverändernden Situation für Bartimäus. Alles muss sich doch für ihn geändert haben. Sein komplettes Leben auf den Kopf gestellt.

Er kann wieder sehen - Jubelrufe, einen Tanz der ganzen Gesellschaft hätte ich erwartet. Ich stelle mir das vor, dass sich die ganze Menge jubelnd bewegt und Bartimäus umringt, dass sie miteinander jauchzen und singen. Und für Bartimäus selbst: Er ist wieder Teil der Gemeinschaft, kann am Leben teilhaben. Die Zeit des zur Seite gesetzt seins ist beendet.

„Und er / sie wurde sehend“ – vielleicht kann ich diese Aussage für mich mitnehmen und als Frage bewegen: Was könnte das für mich bedeuten? Für meinen Alltag, für mein Lebensgefühl, für meine Beziehungen? Gibt es etwas, das ich wieder klarer sehen möchte?

 

Ich beende meine Stille Zeit mit einer Geste, wie sie mir gerade entspricht.

 

Gottes Segen sei mit Dir,
der Segen seines aufstrahlenden Lichts,
Sein Licht um Dich her und innen in deinem Herzen.
So segne und begleite Dich der gnädige und barmherzige Gott.

 

August 2022

Vom verlorenen Groschen (Lukas 15,8-10)

Vom verlorenen Groschen (Lukas 15,8-10)

Einführung

Heute würde Jesus vermutlich die Geschichte vom verlorenen Schlüssel erzählen. Wer kennt das nicht? Der Schlüssel von der Wohnung, von der Garage, vom Auto oder Fahrrad – einfach verschwunden, weg. Das kann einen in den Wahnsinn treiben.
Wenn ich einen Schlüssel suche, sage ich mir als erstes selber: „Ganz ruhig, Christiane. Jetzt überleg mal systematisch: Wo bist du zuletzt gewesen?“ Und dann gehe ich meine letzten Wege ab, die Räume, in denen ich mich aufgehalten habe – und so ein großes Kloster bietet dafür tausend und eine Möglichkeit: Büro, Krypta, Pforte, das Besprechungszimmer, der Raum vom Klosterkater…
Nichts gefunden. Ich überlege weiter: Wo könnte ich noch suchen? Wo könnte mir der Schlüssel vielleicht aus der Rocktasche gefallen sein? Als ich das Taschentuch herausgenommen habe - ist er mir da in eine Ritze im Sessel gefallen? Oder beim Schuhe anziehen irgendwo ins Schuhregal?
Wieder nichts. Jetzt werde ich langsam nervös und unruhig. Spätestens dann werden die andern im Kloster mit einbezogen und wissen: Christiane sucht ihren Schlüssel. Ist er mir vielleicht im Garten aus der Tasche gefallen, als ich mich gebückt habe? Oder im Fahrradkeller?
Einmal habe ich einen Schlüssel, den ich nach mehrtägiger Suche wirklich schon aufgegeben hatte, im Schirmständer wiedergefunden.
Das kann wirklich eine Achterbahnfahrt der Gefühle sein, so eine Schlüsselsuche, ein Hin und Her zwischen Hoffnung und Verzweifeln.
Und wenn er dann da ist – was für eine Erleichterung!!! Was für eine Freude! Alle bekommen zu hören: Der Schlüssel ist wieder da!

Genauso ging‘s der Frau mit ihrem Silbergroschen: Sie hat einen herben Verlust erlitten. Natürlich setzt sie alles daran, um den Silbergroschen wiederzufinden, eine mühsame Suche – und dann endlich ist er wiedergefunden. Diese übergroße Freude! Nur ein Vers spricht von den Mühen der Suche, zwei Verse erzählen von nichts anderem als von der großen Freude des Wiederfindens!

Ich lade Sie ein, an zwei Stellen noch einmal tiefer in diese Geschichte einzutauchen.

Wer ist glücklich, weil es mich gibt?
Um die Freude geht es Jesus bei dieser Geschichte, die er erzählt. Ich kann mir in einem ersten Schritt einmal in der Stille Zeit nehmen für die Frage:
Wer freut sich, dass ich da bin? Welche Menschen sind glücklich darüber, dass es mich gibt? In der Stille lasse ich ihre Namen in mir aufsteigen.
STILLE
Ich kann Gott bewusst für diese Menschen in meinem Leben danken. Vielleicht möchte ich ihnen auch heute oder morgen einmal ein Zeichen meiner Dankbarkeit und Freude geben, dass es sie in meinem Leben gibt.

Gott freut sich darüber, mit mir in Kontakt zu sein!
Jesus erzählt: Mit Gott und uns Menschen ist es wie in dieser Geschichte. Gott empfindet wie diese Frau, die sich auf die Suche nach der verlorenen Münze macht. Gott freut sich darüber, dass ich da bin. Für ihn bin ich wichtig. Und er macht sich auf die Suche, wenn ich ihm verloren gehe, wenn er merkt: Da ist kein Kontakt mehr zwischen ihm und mir. Gott hat eine unendlich große Sehnsucht nach mir. Er will in Tuchfühlung mit mir sein. Es gibt für ihn nichts Schöneres als in Verbindung mit mir zu sein.
Welche Gefühle löst das in mir aus, wenn ich höre: Es gibt für Gott nichts Schöneres, als mit mir in Berührung, in Kontakt zu sein?
Was bedeutet das für mich?
Ich kann dem in der Stille nachspüren.
STILLE

Weil ich Gott wichtig bin…
Es gibt Verluste in unserem Leben, die sind einfach nur unerfreulich und nervig: den Schlüssel oder Ausweis zu verlieren, das Fahrrad geklaut zu bekommen mit allem Gepäck, das ist ärgerlich. Es gibt aber auch Verluste, die gehen tiefer, die sind zutiefst schmerzlich: Da hat ein Paar viele Jahrzehnte das ganze Leben geteilt – und auf einmal geht es nicht mehr. Da ist ein Bruch in der Beziehung. Und der Riss ist auch nicht mehr zu kitten. Da fühlt man sich selber wie so eine verlorene Münze, die am Boden liegt.
Oder ich verliere einen liebgewonnenen Menschen an eine Krankheit, muss ihn oder sie vielleicht irgendwann auch im Sterben loslassen in Gottes Hand. Da bleibt etwas zurück von dem Verlust. Da ist nicht immer am Ende alles gut und wiedergefunden. Worauf kann ich dann bauen?

Für mich ist es gerade dann umso wichtiger, zu wissen: Gott gibt mich nicht auf, egal wie es mir geht. Er bleibt in Tuchfühlung mit mir. Er sucht mich. Solange, bis er mich findet. Er hebt mich auf, wenn ich am Boden liege. Seine Sehnsucht nach mir hat keine Grenzen. Sie wird nie aufhören. Gott wird sich immer wieder auf die Suche nach mir machen. Weil ich ihm wichtig bin. Weil er sich freut, dass ich da bin.

Sr. Christiane Marei Steins

 

September 2022

Geistliche Schriftbetrachtung
zu Joh. 3,8

Geistliche Schriftbetrachtung zu Joh. 3,8

„Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“
Dieses Wort Jesu aus dem Johannesevangelium, Kapitel 3, Vers 8 möchte ich hier in den Mittelpunkt stellen. Ich lade Sie ein, es in der Stille für sich selbst zu bedenken. Was bedeutet es mir? Hier und heute?
Dazu richte ich mich zunächst in der stillen Betrachtung ein:
Ich mache mir bewusst, wie ich jetzt da sein kann:
Meine Füße oder Beine sind verbunden mit dem Boden, der mich trägt.

Ich spüre den Kontakt durch die Kleidung zur Sitzfläche.

Mein Rücken ist aufgerichtet, die Wirbelsäule gerade, bis hinauf zum Kopf; wie über einen Faden nach oben hin gehalten, sitze ich aufrecht – die Augen geschlossen.

Die Arme und Hände ruhen im Schoß.

Meine Sinne sind nach innen gerichtet: nichts muss ich jetzt um mich herum sehen oder hören.

Ich achte auf meinen Atem, nehme wahr, wie er kommt und geht.

Meine Gedanken sind wie die Wolken am Himmel – ich lasse sie ziehen.

So kann ich nun gegenwärtig sein vor Gott, der mich anschaut mit den Augen der Liebe.
Ich bete:
Gott, du allein weißt,
wie mein Leben gelingen kann.
Lehre mich,
in der Stille deiner Gegenwart
das Geheimnis meines Lebens zu verstehen.
Hilf mir loszulassen,
was mich daran hindert, dir zu begegnen
und mich von deinem Wort ergreifen zu lassen.
Hilf mir zuzulassen,
was in mir Mensch werden will
nach dem Bild und Gleichnis,
das du in mich hineingelegt hast. (Amen.)

Ich lese nochmals das Wort aus Johannes 3,8: „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“
Es sind drei Schritte, die ich in der Betrachtung dieses Wortes mit Ihnen gehen will: Es geht mir hier und heute um ein dreifaches Mysterium – das Geheimnis des Windes, das Geheimnis des Menschen und das Geheimnis des Geistes Gottes.
Zunächst jedoch widme ich mich dem Schauplatz, innerhalb dessen dieser Satz fällt, und lasse ihn vor meinem inneren Auge erstehen:
Der Ort und Zusammenhang ist ein nächtliches Gespräch zwischen Jesus und Nikodemus. Bei Nikodemus handelt es sich um einen Pharisäer, einen frommen Mann, einen in Sachen Glauben Kundigen. Er gehörte wohl dem Hohen Rat in Jerusalem an, also einem religiösen Spitzengremium und Leitungsorgan. Des Nachts sucht er Jesus auf; vielleicht deshalb, weil er nicht gesehen und erkannt werden will. Möglicherweise empfindet er es als peinlich, bei Jesus Nachhilfeunterricht in Sachen Religion und Glauben zu nehmen. Vielleicht ist es auch gefährlich für ihn, sich mit Jesus zu treffen, weil es unter seinen Ratskollegen erklärte Feinde Jesu gibt, und er in Rechtfertigungsdruck geraten könnte.
Wie dem auch sei, ich darf jetzt die Intimität dieser Begegnung in Anspruch nehmen, um einmal im direkten ungestörten Kontakt mit Jesus, sozusagen an des Nikodemus‘ Stelle etwas für mich zu lernen. …

Wo also findet dieses Gespräch statt? Vor den Mauern Jerusalems? In einem Olivenhain draußen vor den Toren der Stadt? In einem offenen Garten wie dem Garten Gethsemane? In Bethanien, im Hause der Freunde Jesu: Lazarus, Maria, Martha?

Das Gespräch, das Jesus und Nikodemus führen, dreht sich um Jesus selbst, um seine Sendung von Gott; es dreht sich um die Worte, die Jesus sagt, um die Zeichen, die er tut – mit all dem erweist er sich als ein Prophet, wenn nicht als mehr denn ein Prophet; es geht auch um das Reich Gottes – und am Ende um die Frage, wie man zur rechten Erkenntnis der Wahrheit gelangt. Große Themen! Und inmitten dieser Themen das Sinnbild vom Wind: „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“
Drei Geheimnissen will ich hier mit Ihnen nachspüren. Als Erstes das Geheimnis des Windes.
Ich vergegenwärtige mir ein Erlebnis mit dem Wind – eine Situation, wo ich den Wind auf meiner Haut gespürt habe, in meinem Gesicht, in meinen Haaren; vielleicht sogar eine Situation, in der ich den Wind einmal als so stark erlebt habe, dass ich mich regelrecht in ihn hineinlegen konnte.

Der Wind ist eine Urgewalt, eine Urkraft der Natur, neben dem Wasser, dem Feuer, der Erde. Wind kann erfrischend sein und bedrohlich. Wir setzen uns ihm gerne aus, suchen aber bisweilen auch Obdach vor ihm.

Das Geheimnisvolle am Wind ist sein Woher und sein Wohin. Gewiss, es gibt meteorologische Erklärungen für Winde. Aber als Sinnbild bleibt er geheimnisvoll. Jesus nimmt dieses Geheimnis auf: Ich spüre den Wind, höre sein Sausen. Aber wo kommt er eigentlich her, wenn er auf mich trifft? Und wo fährt er hin, wenn er an mir vorübergezogen ist?

In dem Augenblick, wo ich vom Wind berührt bin, ihn auf und an mir spüre, frage ich vielleicht weniger nach Erklärungen im wissenschaftlichen Sinne als vielmehr nach einer Deutung des Sinngehalts, der in diesem Bild vom Winde steckt.
Es geht hier weniger um das Vorüberziehen. Es handelt sich nicht um ein Bild für das Vergängliche. Auch nicht um ein Bild für das Ungreifbare. Sondern es geht um die Kraft, die lebendig macht, um die Energie, die mich belebt. Wo kommt sie her? Wo führt sie mich hin?

Ebenso wie mit dem Wind verhält es sich mit dem menschlichen Leben. Ich lebe – doch was bedeutet dies für mich, jetzt, hier und heute? Ich kann nach einer biologischen Erklärung forschen und sie finden: Natürlich bin ich irgendwann aus einem menschlichen Zeugungsakt hervorgegangen, von meiner Mutter geboren, zur Welt gebracht. Doch diese Tatsache gibt mir noch keine Gewissheit im Blick auf das Geheimnis, dass „ich bin“. Was ist dieses Leben, das mir geschenkt ist? Was gibt es mir? Was bietet es mir? Wozu führe ich es – und wo hinaus?

Das Geheimnis menschlichen Lebens kann uns immer wieder neu bewusst werden, wenn wir neugeborenem Leben begegnen. Da ist ein kleiner Mensch, erst Tage oder Wochen alt – und doch kein unbeschriebenes Blatt. Was ist in ihm angelegt? Er hat die Gene seiner Eltern und ist doch mehr als ein bloßes Abbild von Mutter und Vater oder von deren Mischung. Er ist ein eigenständiges Wesen, ein Individuum – so von Gott gebildet und gewollt.
Das darf auch ich für mich in Anspruch nehmen: Ich bin von Gott gewollt. So wie ich bin, bin ich es wert und würdig, dass Gott mit mir in Beziehung treten will.

Und nun das dritte Geheimnis: Es ist der Geist Gottes, der diese Beziehung zwischen ihm und mir schafft. Das hebräische und auch das griechische Wort für „Geist“ ist verwandt mit Wortfeldern, die auch für „Wind“, „Luft und „Atem“ stehen. Der Geist Gottes ist der Hauch, mit dem er, Gott, mich berührt, der Odem, den er in mich bläst.

Das macht lebendig. Es ist Gottes Schöpferkraft in mir. So wie ich in der Frische des Windes Atem schöpfe, nehme ich in der Stille des Gebets den Odem Gottes wahr, der mich lebendig macht.

Jesus gebraucht in diesem Zusammenhang in Johannes 3 auch das Bild des Geboren-Werdens: Es gibt nicht nur die eine biologische Geburt aus dem Mutterleib am Anfang eines Lebens, sondern ein Immer-Wieder-Neu-Geboren-Werden aus Gottes Geist. Durch seinen Geist werde ich innerlich neu, vielleicht sogar an Seele und Leib neu.

Ich setze mich der Wirksamkeit des belebenden und lebendig machenden Geistes Gottes aus und werde neu geboren. Aus dem schöpferischen Augenblick Gottes heraus. Aus ihm komme ich neu zur Welt.

Und der Geist Gottes bleibt über mir und in mir. Er vergeht nicht mit dem Augenblick, sondern bleibt bei mir. Wie der Atem, der mich weiterhin am Leben hält. Gottes Geistesgegenwart ist die Kraft, die mich nicht nur neu ins Leben, sondern neu durchs Leben führt. So will er die Beziehung zu mir.

Der Geist Gottes weht, wo er will – heißt es an einer anderen Stelle der Bibel. Ich kann ihn nicht fassen und ihn nicht mir verfügbar machen. Er passt in keinen Sack und in keine Kiste. Ich weiß nicht, woher er kommt und wohin er fährt, aber ich höre sein Brausen wohl und spüre ihn – in und an mir.

Zum Abschluss nehme ich mir gleich noch Zeit für ein kurzes Gebet in der Stille und beschließe es mit dem Vaterunser.
Danach kehre ich zurück an den äußeren Ort, den ich für meine Betrachtung gewählt habe. Ich nehme mich wieder wahr, wie ich sitze oder knie…, öffne meine Ohren und meine Augen für das, was mich umgibt.
Ich danke Gott mit einer kleinen stummen Geste für seine Gegenwart.
Im Anschluss an diese Betrachtung nehme ich mir Zeit, mir das Wahrgenommene noch einmal zu vergegenwärtigen, das Wort in seinem Zusammenhang in Johannes 3 nochmals für mich zu lesen. Ich nehme mir – vielleicht auch zu einem späteren Zeitpunkt an diesem Tag – Zeit für einen Spaziergang, für eine weitere Gebetszeit oder auch dafür, Gesehenes und Gehörtes zu Papier zu bringen, malend oder schreibend …
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag.

 

Oktober 2022

Geistliche Schriftbetrachtung
zu Matthäus 13,3-8

Geistliche Schriftbetrachtung
zu Matthäus 13,3-8

Heute lade ich Sie dazu ein, in der Stille einen Abschnitt aus dem Evangelium nach Matthäus zu bedenken – Matthäus 13,3-8. Es geht um das Gleichnis vom Sämann, das Jesus erzählt.
Zunächst richte ich mich für eine stille Betrachtung ein. Ich mache mir bewusst, wie ich jetzt da sein kann: Meine Füße oder Beine sind verbunden mit dem Boden, der mich trägt.

Ich spüre den Kontakt durch die Kleidung zur Sitzfläche.

Mein Rücken ist aufgerichtet, die Wirbelsäule gerade, bis hinauf zum Kopf; wie über einen Faden nach oben hin gehalten, sitze ich aufrecht – die Augen geschlossen.

Arme und Hände ruhen im Schoß.

Meine Sinne sind nach innen gerichtet: nichts muss ich jetzt um mich herum sehen oder hören.

Ich achte auf meinen Atem, nehme wahr, wie er kommt und geht.

Meine Gedanken sind wie die Wolken am Himmel – ich lasse sie ziehen.

So kann ich nun gegenwärtig sein vor Gott, der mich anschaut mit den Augen der Liebe. Ich bete:

Gott, du allein weißt,
wie mein Leben gelingen kann.
Lehre mich,
in der Stille deiner Gegenwart
das Geheimnis meines Lebens zu verstehen.
Hilf mir loszulassen,
was mich daran hindert, dir zu begegnen
und mich von deinem Wort ergreifen zu lassen.
Hilf mir zuzulassen,
was in mir Mensch werden will
nach dem Bild und Gleichnis,
das du in mich hineingelegt hast. (Amen.)

Ich lese den Abschnitt aus Matthäus 13,3-8.
Jesus hat in Bildern vom Reich Gottes gesprochen. Das, was sich unserem Blick entzieht, die Art und Weise nämlich, wie Gott in dieser Welt gegenwärtig ist und wirkt, das kleidet Jesus in anschauliche Bildgeschichten. Vor allem rücken dabei ganz alltägliche Geschehnisse in den Fokus der Aufmerksamkeit, zum Beispiel die Aussaat von Korn auf einem Feld. Das Spannende an Jesu Bildgeschichten ist, dass sie nicht eindeutig sind, sondern einen Spielraum des Verstehens eröffnen. So ist etwa beim Gleichnis vom Sämann keineswegs von vorneherein ausgemacht, dass der Sämann für Gott steht oder das Korn für Gottes Wort. Wir wollen versuchen, uns dieser Geschichte Jesu behutsam anzunähern – im Bewusstsein und in der Erwartung, dass sie etwas über die Beziehung von Mensch und Gott zu erzählen hat, auch über die Beziehung zwischen mir und Gott oder zwischen Gott und mir.
Zunächst bereite ich mir vor meinem inneren Auge den Schauplatz dieser kleinen Geschichte zu: Ich sehe einen weiten Acker, eingebettet zwischen Flurwege und Wald- oder Wiesenstücke. Ich nehme die gesamte Landschaft wahr, mit allen meinen Sinnen.

Ich sehe den Boden, der vorbereitet ist, um die Saat aufzunehmen; die braunen umgepflügten Schollen, die aufgegrabene Erde.

Ich höre den Wind in den Zweigen ferner Bäume, die Vögel, die durch die Lüfte flattern und zwitschern.

Ich rieche den feuchten Boden, die Luft, vielleicht auch Wald und Wiesen in der Nachbarschaft des Feldes.

Ich greife mit meiner Hand in die Erde, nehme eine Handvoll auf, spüre ihre Feuchtigkeit und Frische, ja, das millionenfache Leben in ihr.

Dann sehe ich den Sämann über den Boden gehen und begleite ihn.
Bin ich selbst so wie er? Habe ich auch in den Beutel mit Saatgut gegriffen und den Samen über das Land geworfen? Wo habe ich in meinem Leben etwas ausgesät und warte nun darauf, dass es Frucht bringt?

Der Sämann scheint großzügig zu sein. Er wirft den Samen über das Land, streut ihn aus – auch auf die Gefahr hin, dass etliches danebenfällt. Er berechnet keine Flugbahnen und kein Verhältnis von Saatgut pro Quadratmeter. Er teilt einfach aus. Was will mich das lehren? Kommt es im Leben darauf an, großzügig und nicht berechnend zu sein? Risiken einzugehen? Vieles zu geben und manches, ja vielleicht wieder vieles zu gewinnen?

Ist Gott verschwenderisch mit seinen Gaben?

Der Same fällt hierhin und dorthin. Einiges landet auf dem Weg; da gibt es keine Erde, die ihn aufnimmt. Vögel flattern heran und picken die Körner auf.
Bin ich selbst wie einer dieser Vögel? Bekomme ich es sozusagen im Vorübergehen, was mich nährt? Wie geschenkt? Ohne selbst Arbeit und Mühe aufwenden zu müssen?

Sagt Jesus nicht an anderer Stelle, dass die Vögel weder säen noch ernten, und Gott, der himmlische Vater, sie dennoch ernährt – und dass es Gott auch mit uns so tun will?

Den Sämann scheinen die Vögel jedenfalls nicht zu stören. Wir hören nicht, dass er sie verjagt.
Anderes fällt auf felsigen Boden. Dort ist nicht viel Erde. Schnell wächst es auf, und schnell verwelkt es wieder und verdorrt, als die Sonne aufgeht, weil es keine tiefe Wurzeln hat.
Kenne ich das von mir? Dass etwas rasch aufgeht und ebenso rasch wieder in sich zusammenfällt?

Bin ich manchmal wie solch ein felsiger Boden? Nehme gerne und rasch etwas auf, biete ihm aber keine Gelegenheit, Wurzeln zu schlagen.

Lebe ich zu kurzatmig?

Sollte ich dem Samen Gottes in meinem Leben mehr Raum bieten? Die Gelegenheit geben, Wurzeln zu graben?

Anderes fällt unter die Dornen und Disteln. Es hat dort erst gar nicht die Chance aufzugehen. Vielleicht steht der Same für das, was Gott mir schenken will
… von seiner Gegenwart, von seiner Zuwendung, von seiner Liebe, von seiner Orientierung – und ich habe einfach keinen Sinn dafür.

Sollte ich vielleicht einmal meinen Lebensacker jäten? Dornen und Disteln, die das Wachstum von Gutem in meinem Leben verhindern, ausreißen – mit Stumpf und Stiel?

Welche hinderliche, stachelige, trockene und unfruchtbare Arten von Gestrüpp kenne ich in meinem Leben, die das Wachstum von Gottes guten Gaben in mir verhindern?

Bin ich bereit, sie zurückzuschneiden, auszujäten? Und bin ich bereit, mir dabei die Hände blutig zu kratzen?

Vielleicht empfinde ich mich auch selbst wie der Same, bald hierhin, bald dorthin geworfen. Und ich frage mich, frage Gott: Wo ist mein Ort in der vielseitigen Landschaft des Lebens?

Vielleicht ist es aber auch gut zu erleben, auf gutes Land zu fallen und Frucht zu bringen. Vielleicht bin ich selbst solch ein fruchttragender Same für andere. Oder andere sind dies für mich.

Wenn die Zeit der Ernte kommt, dann wird das Korn eingefahren, das aufgegangen ist. Die gute Frucht. Manches dreißigfach, manches sechzig-, manches hundertfach. Ich darf mich über die Steigerung des Ertrags freuen. Und selbst wenn die Reihenfolge wie bei Jesus ist (hundertfach, sechzigfach, dreißigfach), dann ist das Dreißigfache immer noch Grund zur Freude und Dankbarkeit.
Jetzt ist es an der Zeit, Ernte zu halten. Zu schauen, was an Gutem aufgegangen ist, von dem, was ich gesät habe.

Und von dem, was Gott in mich gesät hat.

Zum Abschluss nehme ich mir Zeit für ein kurzes Gebet in der Stille und beschließe es mit dem Vaterunser. Dann kehre ich zurück an den äußeren Ort, den ich für meine Betrachtung gewählt habe. Ich nehme mich wieder wahr, wie ich sitze oder knie
…, öffne meine Augen und meine Ohren für das, was mich umgibt.
Ich danke Gott mit einer kleinen stummen Geste für seine Gegenwart und nehme mir anschließend Zeit, um das Wahrgenommene noch einmal zu vergegenwärtigen. Ich nehme mir – vielleicht auch zu einem späteren Zeitpunkt an diesem Tag – Zeit für einen Spaziergang, für eine weitere Gebetszeit oder auch dafür, Gesehenes und Gehörtes zu Papier zu bringen, malend oder schreibend

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag.

 

November 2022

Geistliche Schriftbetrachtung
zu Matthäus 14,22-33

Geistliche Schriftbetrachtung
zu Matthäus 14,22-33

Der Monat November ist ja – nicht nur von der Kirchenjahreszeit her – stark mit dem Bedenken des Sterbens, mit dem Gedenken an die Toten, mit der Frage nach dem Tod und möglicherweise einer Trostperspektive darüber hinaus verbunden. Daher lade ich Sie heute dazu ein, in der Stille einen Abschnitt aus dem Evangelium nach Matthäus zu bedenken – Matthäus 14,22-33: die Geschichte vom sogenannten Seewandel des Petrus.
Ich möchte sie jedoch hier einmal als eine Geschichte über das Sterben meditieren. Meine Gedanken sind vor allem an diejenigen gerichtet, die selbst an der Schwelle des Todes stehen – im Blick auf die eigene Lebensspur oder im Blick auf jemanden an ihrer Seite. Sie sind an diejenigen gerichtet, die einen geliebten Menschen verloren haben, und an alle, die selbst das Wagnis eingehen wollen, der eigenen Endlichkeit ins Auge zu blicken.
Vielleicht lassen sich viele, wenn nicht alle Geschichten aus den Evangelien so lesen und verstehen, dass sie uns etwas über das Geheimnis des Lebens im Angesicht des Todes aufdecken, weil sie vom Leben und Sterben und Auferstehen Jesu, des Sohnes Gottes, erzählen.
Vieles von dem, wovon ich in den nächsten Minuten spreche, ist nicht in einem Handstreich zu erfassen oder gar zu erledigen. Es bedarf der Zeit, aber es führt auf einen guten Weg.
Zunächst richte ich mich für eine stille Betrachtung ein. Ich mache mir bewusst, wie ich jetzt da sein kann:

Meine Füße oder Beine sind verbunden mit dem Boden, der mich trägt.

Ich spüre den Kontakt durch die Kleidung zur Sitzfläche.

Mein Rücken ist aufgerichtet, die Wirbelsäule gerade, bis hinauf zum Kopf; wie über einen Faden nach oben hin gehalten sitze ich aufrecht – die Augen geschlossen.

Arme und Hände ruhen im Schoß.

Meine Sinne sind nach innen gerichtet: nichts muss ich jetzt um mich herum sehen oder hören.

Ich achte auf meinen Atem, nehme wahr, wie er kommt und geht.

Meine Gedanken sind wie die Wolken am Himmel – ich lasse sie ziehen.

So kann ich nun gegenwärtig sein vor Gott, der mich anschaut mit den Augen der Liebe. Ich bete:

Gott, du allein weißt,
wie mein Leben gelingen kann.
Lehre mich,
in der Stille deiner Gegenwart
das Geheimnis meines Lebens zu verstehen.
Hilf mir loszulassen,
was mich daran hindert, dir zu begegnen
und mich von deinem Wort ergreifen zu lassen.
Hilf mir zuzulassen,
was in mir Mensch werden will
nach dem Bild und Gleichnis,
das du in mich hineingelegt hast. (Amen.)

Ich lese den Abschnitt aus Matthäus 14,22-33.
Gehen wir diese Geschichte in sechs Stationen entlang.
Am Anfang stehe ich mit Jesus, seinen Jüngern und vielen Menschen am Ufer des Sees Genezareth. Ein langer, ereignisreicher Tag geht zu Ende. Ich blicke dankbar zurück auf manche Begegnungen, die mir besonders wertvoll waren.

Blicke zurück auf eine Einsicht, die ich gewonnen habe.

Blicke zurück auf einen Augenblick, den ich wegen seiner Schönheit, in mir bewahren möchte.

Es ist die Zeit des Abschieds gekommen. Ich spüre: alles, was ich mitnehmen kann, kann ich nur in meinem Herzen mitnehmen. Äußerlich muss ich es den Bedingungen von Raum und Zeit, und damit der Vergänglichkeit, überlassen.

So ist es auch am Ende des Lebens: Ich kann nichts mitnehmen, nichts hinüberretten von hier nach dort. Ich kann nur Schätze in meinem Herzen sammeln und anschauen – bis zuletzt.

Die Stunde des Abschieds ist immer auch eine Stunde der Trennung. Trennungen sind hart, bisweilen schmerzen sie. Aber sie schaffen auch Klarheit – Klarheit, über das, was zu mir gehört, und das, was anderen zu eigen ist. Klarheit über mich in meiner Freiheit und den oder die andere in ihrer Freiheit. Diese Klarheit will ich respektieren.

Die zweite Station unserer Geschichte führt uns mit Jesus auf den Berg des Alleinseins. Jesus zieht sich zurück. Dieser Rückzug befreit ihn von den Ansprüchen anderer an ihn. Er gibt Raum zur Selbstbesinnung, zum Gebet. Im Angesicht des Todes ist es Segut und ratsam, die eigenen Angelegenheiten zu ordnen. Was ist noch ungeordnet in meinem Leben und bedarf einer ordnenden Hand?

Was gibt es noch anzusprechen und auszusprechen?

Was lasse ich wie zurück?

Lassen wir uns weiterführen von dieser Geschichte:
Nun sehen wir die Jünger im Boot auf dem See. Die Nacht ist hereingebrochen. Und sie dauert an. Ein Wind fegt über das Wasser, bläst ihnen ins Gesicht. Er peitscht das Wasser auf und treibt das Boot in die Wellen. Eine unruhige, ja ungemütliche Erfahrung. – Und zu allem Überfluss steigen in dieser Situation Gespenster auf.
Vielleicht sehe ich manches Gespinst in meinem Leben, das mir keine Ruhe lassen will.

Es trägt den Namen „Sorge“.

Oder „Furcht“.

Oder „Kummer“.

Doch die Geschichte ist hier noch nicht zu Ende. Mit diesem Bild geht sie nicht aus. Und auch unser Leben soll nicht mit diesem Bild ausgehen.
Dort, wo der Nebel unserer Hirn- und Herzensgespinste am dichtesten ist, schält sich eine Gestalt heraus, die mir mit Wohlwollen begegnet. Aus ihrer Richtung kommt mir Beruhigung und Zuspruch entgegen.

Ich höre: „Sei getrost! Fürchte dich nicht! Ich bin es – Jesus. Dein Zeuge für ein Leben, das bei Gott gut aufgehoben ist.“

Ist nun alles getan, was es zu einem vertrauensvollen Ende braucht? Alles, was ich im Angesicht des Sterbens tun kann? Alles, was ich in dieser Situation empfangen kann?
Mit der fünften und vorletzten Episode unserer Geschichte stehen wir unmittelbar an der Schwelle des Todes. Der Fuß schwebt in der Luft, bereit zum nächsten, zum letzten Schritt.
Die Geschichte erzählt uns, wie Petrus sich ganz auf diesen Jesus, der ihm aus Dunkel und Nebel entgegentritt, richtet: „Wenn du es bist, dann rufe mich zu dir.“ Und Jesus spricht: „Komm.“
Petrus setzt seinen Fuß über die Wand des Bootes. Er verlässt die Nussschale des Lebens, diese Keimzelle, die ihn über die Wogen des Lebens getragen hat, manchmal still und ruhig, manchmal bewegt, ja so bewegt, dass das Boot zu kentern drohte – aber getragen. Manchmal gepeitscht und geschlagen von der Wucht des ungestümen Wassers. Von Narben und Kerben gezeichnet – aber getragen.

Petrus setzt seinen Fuß auf das Wasser – und es trägt. Er steht auf der dünnen, transparenten Haut eines Elements, das er nie kennengelernt hat. Er balanciert auf einem letzten Faden, der Hier und Dort verbindet – wundersam gehalten durch den Blick Jesu.

Und dann schlagen noch einmal Wind und Wellen zu. Ein letzter Zweifel bäumt sich auf: Das wäre in der Tat wunderbar, wenn ich so mein Leben beschließen dürfte. In dieser Gewissheit, ja Erfahrung, dass selbst das unwegsame Wasser des Todes trägt – mich trägt. Aber, ist es wahr oder ist es Trug? Ist es „nur“ Einbildung? Wunschtraum? Illusion? Ist am Ende nicht alles Schaum und leere Hoffnung?

Ein letztes Bild unserer Geschichte. Am äußersten Horizont des Lebens.
Ich höre die Stimmen des Zweifels. Hört das denn nie auf? Das, was mich festklammert an den schwankenden Planken eines vergänglichen Lebens? Was sind schon ein paar armselige Bretter gegen ein gut gezimmertes Boot? Aber immerhin: Was sind sie, diese armseligen Bretter, gegenüber gar nichts, das mich über Wasser zu halten vermag?

Ich höre die Stimmen des Zweifels. Und ich rufe mit Petrus, trotzig: „Herr, rette mich!“ Rufe es in Jesu Richtung. Hinein ins Nichts der Nacht und der Wellen und des Zweifels. Rufe es dorthin, woher mir eben noch sein einladendes „Komm“ entgegendrang.

Und sogleich streckt sich mir seine Hand entgegen und ergreift mich.
Wenn alle Kräfte und Sinne schwinden, auch die inneren, dann bleibt bis zuletzt die Berührung einer Hand. Aus der Begleitung Sterbender wissen wir, wie wichtig dieser Kontakt der Hände ist – bis zuletzt.
Im Überschritt des Sterbens reicht mir Christus seine Hand. Weil er schon dort ist, wo ich hinmuss – und siehe: er lebt.

Zum Abschluss nehme ich mir Zeit für ein kurzes Gebet in der Stille und beschließe es mit dem Vaterunser.
Dann kehre ich zurück an den äußeren Ort, den ich für meine Betrachtung gewählt habe. Ich nehme mich wieder wahr, wie ich sitze oder knie …, öffne meine Augen und meine Ohren für das, was mich umgibt.
Ich danke Gott mit einer kleinen stummen Geste für seine Gegenwart und nehme mir anschließend Zeit, um das Wahrgenommene noch einmal zu vergegenwärtigen.

Gott segne Sie!

Peter Haigis

 

Krypta