Anleitung für eine persönliche Meditationszeit

 

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Jeweils am 1. des Monats stellen wir eine neue Meditationsübung ein.

 

Januar 2021

Impuls zu Lukas 6,36

Willkommen in Gottes Gegenwart! Ein paar Atemzüge lang nehme ich mir Zeit zum Ankommen: an dem Ort, wo ich jetzt für die Dauer der Gebetszeit verweilen werde. …..

Ich kann den Kontakt zur Sitzfläche auf meinem Hocker und Kniebänkchen wahrnehmen, die Beine entlang gehen im Kontakt zur Kleidung, kann die Füße wahrnehmen im Kontakt zum Boden oder, wenn ich knie, den Kontakt der Beine zum Boden. Und ich kann wahrnehmen: Stuhl und Boden tragen mich. Ohne dass ich etwas dazu tun muss, bin ich getragen und kann Gewicht nach unten abgeben.

Ich kann mit meiner Aufmerksamkeit zum Becken zurückkehren und mich von dort in meiner Aufrichtung wahrnehmen, die Wirbelsäule entlang Wirbel für Wirbel: weiter über den Nacken und den Hinterkopf bis hin zum Scheitel. Wenn ich möchte kann ich mir vorstellen, dass sich über mir der Himmel öffnet, aus dem mir Gutes entgegenkommt. So kann ich da sein: gut geerdet und ausgerichtet nach oben.

Ich kann die einzelnen Bereiche meines Gesichts bewusst entspannen: die Stirn, die nicht in Falten liegen muss, die Augen, die ausruhen dürfen und einmal nichts aufnehmen und sehen müssen, die Nase, die Wangen, Unterkiefer kann locker sein, ich muss die Zähne nicht zusammenbeißen.

Ich kann mit meiner Aufmerksamkeit zu den Schultern gehen, Oberarme und Unterarme im Kontakt zur Kleidung wahrnehmen bis hin zu den Händen, die vielleicht im Schoß ruhen oder gefaltet sind. Ich kann meinen Atem wahrnehmen, wie er kommt und geht, ganz von selbst, ohne dass ich etwas verändern oder dazu tun muss.

So kann ich mich noch einmal im Ganzen wahrnehmen. Und wenn ich möchte, kann ich mir vorstellen, dass Gott mich liebevoll anschaut, sein Blick voller Zuwendung und Liebe auf mir ruht.

Vielleicht kann ich einen Moment der Frage nachspüren: Was brauche ich besonders? Worum möchte ich Gott bitten? Ich kann ihm meine Sehnsucht hinhalten.

Wenn ich möchte, kann ich Gott mit folgenden Worten um seine Gegenwart bitten:
Gott, du allein weißt, wie mein Leben gelingen kann.
Lehre mich, in der Stille deiner Gegenwart das Geheimnis meines Lebens zu verstehen.
Hilf mir loszulassen, was mich daran hindert, dir zu begegnen
und mich von deinem Wort ergreifen zu lassen.
Hilf mir zuzulassen, was in mir Mensch werden will
nach dem Bild und Gleichnis, dass du in mich gelegt hast.
Ich lese den Text für heute, es ist die Jahreslosung aus Lukas 6,36, aus der sogenannten Feldrede des Lukas:
Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Ich kann zunächst vor meinem inneren Auge die Situation lebendig werden lassen, in der Jesus diese Worte sagt: In meiner Vorstellung sehe ich – wie ein Vogel von oben – die Landschaft im Gebiet des Nahen Ostens auftauchen. Ich sehe die trockenen Wüstengebiete, die grüne Landschaft von Galiläa. Ich komme näher. Ich sehe die weite Landschaft am Fuß des Berg Tabor. Dort, an einem Ort, an dem man sich gut lagern kann, sehe ich eine große Menschenmenge. Ich gehe dichter heran, sehe ganz unterschiedliche Menschen: Eltern mit ihren Kindern, die herumlaufen und spielen, Menschen, die von einer Krankheit gezeichnet sind, Neugierige, die einfach mal schauen wollten, was hier los ist, andere, die ganz gesammelt und konzentriert sind, wieder andere, denen die Hoffnung ins Gesicht geschrieben ist, dass hier etwas geschehen könnte, was gut für sie ist und ihr Leben verändert. Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf eine Stelle, wo eine kleine Gruppe von Menschen steht: einige Männer und Frauen, die sich um einen Mann scharen: Ich schaue hin – es ist Jesus, der da im Zentrum steht.
„Alle Leute versuchten, ihn zu berühren; denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte“ erzählt Lukas. Ich sehe, wie alle versuchen, in die Nähe von Jesus zu kommen, ihn zu berühren, etwas von seiner heilenden Kraft zu empfangen, die von ihm ausgeht, sich von der heilsamen Energie, die er verströmt, berühren zu lassen. Dann sehe ich, wie Jesus seine Augen auf die Menge richtet. Schaut er mich auch an? Und dann höre ich ihn sagen: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Ich horche auf: „barmherzig sein“ – wenn ich das einem Menschen abnehme, überzeugend von Barmherzigkeit zu reden – dann ist das Jesus. Sonst tauchen eher Bilder von falscher Barmherzigkeit vor meinem inneren Auge auf: Menschen, die gönnerhaft hilfsbedürftigen Kindern die Wange tätscheln; die zeigen wie toll sie sind, wo es eigentlich eher um sie selber geht als um die, die Hilfe brauchen. Ich spüre: Das meint Jesus nicht, wenn er davon spricht, barmherzig zu sein. Aber wie meint er es dann? Ich höre genauer hin: Was sagt er? „Richtet nicht, verurteilt nicht“ – und ich merke: Das bedeutet für ihn barmherzig sein: den anderen / die andere mit liebevollen Augen anschauen, ihn oder sie nicht verurteilen, mit Gottes Augen der Liebe auf den anderen / die andere schauen. Genauso fühle ich mich gerade von Jesus angeschaut, mit einem barmherzigen Blick, der nicht verurteilt.
Wenn ich möchte, kann ich mir jetzt dafür bewusst einmal Zeit nehmen und mir vorstellen, dass Jesus mich liebevoll anschaut, ohne mich zu verurteilen, mit Augen voller Liebe und Barmherzigkeit und dem Raum geben… Wie ist das für mich? …

„wie auch euer Vater barmherzig ist“ sagt Jesus. Ich stolpere beim Zuhören. Weiß Jesus, was er da sagt? Wie viele erleben ihren Vater nicht als barmherzig, liebevoll, sondern eher unbarmherzig, hart. Ein schwieriges Bild – auch, wenn Jesus hier von Gott als Vater spricht, der ein so ganz anderer Vater ist: einer, dessen Augen voller Liebe und Barmherzigkeit auf mir ruhen.
Aber möglicherweise kommen mir ja andere Erinnerungen an Menschen, die mir „barmherzig“ begegnet sind: offen, ohne mich zu verurteilen, wo ich gespürt habe: ihr Herz steht mir vorbehaltlos offen. Vielleicht möchte ich mir dafür einmal Zeit nehmen: Gott zu danken für all die in meinem Leben, bei denen ich erlebt habe: sie sind bedingungslos da für mich, die verurteilen mich nicht, egal, was ich mitbringe.

Immer noch spüre ich die liebevollen Augen Jesu auf mir ruhen. „Sei barmherzig“ sagt er. „Schau mit den Augen Gottes.“ Doch dann höre ich, wie er die Worte etwas abwandelt. Was sagt er? „Sei barmherzig – mit dir!“ Ich höre:
Gottes Augen ruhen voller Barmherzigkeit auf mir. Ich selber sehe mich vielleicht manchmal ganz anders an:
unbarmherzig mit mir selber. Wenn ich meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge. Oder merke, wie ich anderen nicht gerecht werden kann – und mich dafür dann vielleicht selber verurteile. Wie schaue ich mich selber an? Mit welchen Augen? Wenn ich möchte, kann ich dieser Frage einmal Raum geben. Vielleicht einmal üben, wie das ist: Mich selber mit den Augen der Barmherzigkeit anschauen, so wie Gott es auch tut. …

Mich selber barmherzig, mit den liebevollen Augen Gottes anschauen – und meine Mitmenschen auch. Wenn ich möchte, kann ich mir vielleicht vor meinem inneren Auge einen Menschen vorstellen, wo ich das jetzt einmal in der Stille ganz bewusst tun möchte: ihn oder sie in meiner Vorstellung bewusst mit den Augen Gottes anschauen, den anderen / die andere in den Raum der Barmherzigkeit Gottes stellen. …

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Ich höre, wie Jesus mich mit diesen Worten am Beginn des neuen Jahres einlädt, jeden Tag neu aus der heilsamen Kraft der Liebe und Barmherzigkeit Gottes zu leben - für mich selber und für andere.

Ich kann jetzt in der Stille da verweilen, wo ich noch einmal genauer hinschauen, hinhören möchte.

Wenn ich möchte kann ich mir vorstellen, dass Jesus an meiner Seite ist und ich mit ihm ins Gespräch kommen kann über das, was mich bewegt - wie mit einem Freund oder einer Freundin.
Oder ich kann auch mit Jesus schweigen.
Wenn ich möchte, kann ich die Gebetszeit mit einem Vaterunser beenden.

Vielleicht möchte ich aus dieser Gebetszeit etwas aufschreiben.

Und dann schauen, was mir guttut: ein Spaziergang oder malen oder musizieren oder ganz praktisch etwas tun oder…

Vielleicht mag ich mich zu einer anderen Zeit an diesem Tag auch noch einmal einem weiteren Aspekt aus dem Text zuwenden, der in mir nachklingt.

Einen guten Tag!

 

Februar 2021

Anleitung zu Lukas 2,22.25 - 33.36 - 38

Geistliche Schriftbetrachtung zu Lukas 2,22.25 - 33.36 - 38

Ich mache mir zunächst bewusst, wie ich jetzt da sein kann: Meine Füße oder Beine sind verbunden mit dem Boden, der mich trägt. …

Ich spüre den Kontakt durch die Kleidung zur Sitzfläche. …

Mein Rücken ist aufgerichtet, die Wirbelsäule gerade, bis hinauf zum Kopf; wie über einen Faden nach oben hin gehalten, sitze ich aufrecht – die Augen geschlossen. …

Die Arme und Hände ruhen im Schoß. …

Meine Sinne sind nach innen gerichtet: nichts muss ich jetzt um mich herum sehen oder hören. …

Ich achte auf meinen Atem, nehme wahr, wie er kommt und geht. …

Meine Gedanken sind wie die Wolken am Himmel – ich lasse sie ziehen. …

So kann ich nun gegenwärtig sein vor Gott, der mich anschaut mit den Augen der Liebe.
Ich bete:
Gott, du allein weißt,
wie mein Leben gelingen kann.
Lehre mich,
in der Stille deiner Gegenwart
das Geheimnis meines Lebens zu verstehen.
Hilf mir loszulassen,
was mich daran hindert, dir zu begegnen
und mich von deinem Wort ergreifen zu lassen.
Hilf mir zuzulassen,
was in mir Mensch werden will
nach dem Bild und Gleichnis,
das du in mich hineingelegt hast. (Amen.)

Ich lese den Textabschnitt für die Betrachtung aus Lukas 2,22.25-33.36-38.
Vor meinen inneren Augen bereite ich mir zunächst den Schauplatz dessen, wovon der Evangelist Lukas hier spricht:
Ich nehme den Tempel wahr mit seinen Mauern, Toren, Vorhöfen und Hallen. Hoch aufragende Säulen, die den Blick nach oben ziehen. Ich betrachte den Schmuck dieses Ortes, rieche den Duft von Kerzen und Rauchwerk. Ich nehme mir Zeit, die besondere Atmosphäre dieses Ortes auf mich wirken zu lassen. …

Man sagt, es in einer ganz besonderen Weise ein Ort der Gegenwart Gottes – und vielleicht kann ich davon etwas spüren. …

Im Jerusalemer Tempel sind noch andere Personen:
Ich stelle mir die Eltern Jesu vor – Maria und Josef mit dem neugeborenen Kind. …

Möglicherweise fühle ich mich heute ihnen besonders nahe, kann mich einfühlen in ihre Freude und ihr Staunen über das Wunder neuen Lebens, das ihnen zuteil wurde. …

Möglicherweise kann ich etwas von der Dankbarkeit mitempfinden, die sie hierher gebracht hat. …

Möglicherweise teile ich mit ihnen die Fragen im Blick auf die noch ungeschriebenen, ungelebten Tage dieses neuen Lebens:
Was wird auf uns, auf mich zukommen? Was wird geschehen? Werde ich es annehmen können? Und wenn ja, wie? Werde ich die Phantasie haben, diese Tage zu gestalten, und die Kraft, sie zu bestehen?
Woher kommt mir Hilfe zu? …

Ich sehe das Kind auf den Armen der Eltern. Möglicherweise fühle ich mich jetzt gerade ihm besonders nahe, empfinde etwas von seiner Geborgenheit und Unbescholtenheit, genieße mit ihm die Ruhe und die Gelassenheit, jetzt und hier nichts tun zu müssen.
Ich darf mich dem, was geschieht überlassen, ihm anvertrauen – es darf geschehen, an mir geschehen. …

Und da ist Simeon, ein alter Mann, fromm und gottesfürchtig sei er – so heißt es. Vielleicht entdecke ich an ihm etwas von mir selbst, oder aber ich kennen jemanden, an den er mich erinnert. …

Vom Geist Gottes geführt kommt er an diesem Tag in den Tempel (vielleicht wie auch sonst öfters). Doch heute kommt er mit einer besonderen Erwartung. …

Er soll Christus, den Herrn sehen. …

Christus schauen, den Herrn – den Messias – den Retter und Trost Israels, und auch Retter und Trost für mich – Erlöser – Befreier – Heiler – Sohn Gottes – Mensch gewordener Gott – Wort Gottes – Verheißung – Hoffnungsträger – Licht der Welt – Bruder – König der Herzen. …

Das Kind wird in seine Arme gelegt. …

Und ich höre ihn sagen: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden ziehen, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben den Heiland gesehen.“ …

Und da ist Hanna, eine Witwe, hochbetagt, die im Tempel lebt Tag und Nacht und Gott dient mit Fasten und Beten – ein besonderes Vorrecht, so allezeit in der Gegenwart Gottes sein zu dürfen. …

Sie wird eine „Prophetin“ genannt, sie hat den besonderen Blick für die Worte und Zeichen Gottes. …

Ich sehe sie vor mir stehen, bei Maria, Josef, dem Kind und Simeon, höre sie sprechen oder singen, fühle mich ihr vielleicht besonders nahe. …

„Sie pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Israels warten.“
Ich nehme mir Zeit für ein kurzes Gebet in der Stille und beschließe es mit dem Vaterunser.
Nun kehre ich zurück an den äußeren Ort, den ich für meine Schriftbetrachtung gewählt habe. Ich nehme mich wieder wahr, wie ich sitze oder knie…, öffne meine Ohren und meine Augen für das, was mich umgibt.
Ich danke Gott mit einer kleinen stummen Geste für seine Gegenwart.
Im Anschluss an diese Betrachtung nehme ich mir Zeit, mir das Wahrgenommene noch einmal zu vergegenwärtigen, den Text aus Jesaja 35 nochmals für mich zu lesen – vielleicht auch nur in Abschnitten oder einzelnen Versen. Ich nehme mir Zeit für einen Spaziergang, eine weitere Gebetszeit oder auch dafür Gesehenes und Gehörtes zu Papier zu bringen, malend oder schreibend …

„Ihnen einen gesegneten Tag!“

 

März 2021

Anleitung zu Jesaja 35,1-10

Geistliche Schriftbetrachtung zu Jesaja 35,1-10

Ich mache mir zunächst bewusst, wie ich jetzt da sein kann: Meine Füße oder Beine sind verbunden mit dem Boden, der mich trägt. …

Ich spüre den Kontakt durch die Kleidung zur Sitzfläche. …

Mein Rücken ist aufgerichtet, die Wirbelsäule gerade, bis hinauf zum Kopf; wie über einen Faden nach oben hin gehalten, sitze ich aufrecht – die Augen geschlossen. …

Die Arme und Hände ruhen im Schoß. …

Meine Sinne sind nach innen gerichtet: nichts muss ich jetzt um mich herum sehen oder hören. …

Ich achte auf meinen Atem, nehme wahr, wie er kommt und geht. …

Meine Gedanken sind wie die Wolken am Himmel – ich lasse sie ziehen. …

So kann ich nun gegenwärtig sein vor Gott, der mich anschaut mit den Augen der Liebe. Ich bete:
Gott, du allein weißt,
wie mein Leben gelingen kann.
Lehre mich,
in der Stille deiner Gegenwart
das Geheimnis meines Lebens zu verstehen.
Hilf mir loszulassen,
was mich daran hindert, dir zu begegnen
und mich von deinem Wort ergreifen zu lassen.
Hilf mir zuzulassen,
was in mir Mensch werden will
nach dem Bild und Gleichnis,
das du in mich hineingelegt hast. (Amen.)

Ich lese den Textabschnitt für die Betrachtung aus Jesaja 35,1-10. Vor meinen inneren Augen bereite ich mir zunächst den Schauplatz dessen, wovon der Prophet Jesaja hier spricht: Vor mir breitet sich eine weite Wüstenlandschaft aus – vielleicht kenne ich solche Landschaften, bin dort einmal gewesen, habe sie selbst durchwandert. …

Vielleicht erinnert der Ausdruck „Wüste“ mich auch an karge Landschaften in meinem Leben, an Dürrezeiten – ich spüre meinen Empfindungen nach. …

Doch da stellt sich noch etwas anderes ein in dem Bild, von dem der Prophet spricht: Hier und da sprießt etwas auf; da ist Fruchtbarkeit zu sehen – und Wasserquellen. Vielleicht kann ich sogar das Plätschern hören, das Rascheln der Blätter, und vielleicht kann ich den Blumenduft inmitten dieser Wüste riechen – die Lilien, Gras und Rohr und Schilf. …

Die Wüste wandelt sich: es nicht alles öde und leer, sondern mehr und mehr kehren Farben, kehrt schöpferisches Leben ein. …

Ich nehme Tiere wahr: ein Schakal, der sich zurückzieht; ein Hirsch, der an die Quelle tritt, um zu trinken; Vögel in den Zweigen, die zwitschern. …

Ich vernehme ein Lachen, ein Summen, ein Singen. …

Und ich höre jemanden sagen: „Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie.“ Es gilt auch mir, meinen müden Händen, meinen wankenden Knien. …

Und weiter: „Seid getrost! Fürchtet euch nicht! Sehr, da ist euer Gott!“ Das gilt auch meinem verzagten Herzen. …

Ich höre auch davon reden, dass Gott zur Rache kommt und vergilt – Wie höre ich das? Was löst es in mir aus? Spüre ich auch in mir Verbitterung oder Wut über erlittenes Unrecht und den Wunsch, da möge einer kommen und vergelten, was mir angetan wurde? …

Die Augen der Blinden sollen geöffnet werden und die Ohren der Tauben. Wofür bin ich blind – oder taub und unempfindsam? …

Was kann mir mit einem neuen Sehen oder Hören geschenkt werden? …

Die Lahmen sollen springen, und die Zunge der Stummen sich lösen.
Wo fühle ich mich gelähmt oder schwerfällig und unbeweglich? Wodurch hat es mir die Sprache verschlagen? …

Und wie ist es für mich, neu auf die Beine zu kommen, neue Worte in den Mund gelegt zu bekommen? …

Ich sehe einen Weg, eine Bahn: sicher und breit und gerade, geebnet und geschützt. Es ist die „Straße des Herrn und seiner Heiligen“, derer, die zu ihm gehören. Auch ich bin eingeladen, sie zu betreten, auf ihr entlangzugehen, meinen Weg dort weiter zu verfolgen. …

Und ich höre einen Zuspruch: „Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.“
Ich nehme mir Zeit für ein kurzes Gebet in der Stille und beschließe es mit dem Vaterunser. Nun kehre ich zurück an den äußeren Ort, den ich für meine Schriftbetrachtung gewählt habe. Ich nehme mich wieder wahr, wie ich sitze oder knie…, öffne meine Ohren und meine Augen für das, was mich umgibt.
Ich danke Gott mit einer kleinen stummen Geste für seine Gegenwart.
Im Anschluss an diese Betrachtung nehme ich mir Zeit, mir das Wahrgenommene noch einmal zu vergegenwärtigen, den Text aus Jesaja 35 nochmals für mich zu lesen – vielleicht auch nur in Abschnitten oder einzelnen Versen. Ich nehme mir Zeit für einen Spaziergang, eine weitere Gebetszeit oder auch dafür Gesehenes und Gehörtes zu Papier zu bringen, malend oder schreibend…

„Ihnen einen gesegneten Tag!“

 

April 2021

Impuls zu Johannes 5,1-9

Impuls zu Johannes 5,1-9

Willkommen in Gottes Gegenwart! Ein paar Atemzüge lang nehme ich mir Zeit zum Ankommen: an dem Ort, wo ich jetzt für die Dauer der Gebetszeit verweilen werde.

Ich kann den Kontakt zur Sitzfläche auf meinem Hocker und Kniebänkchen wahrnehmen, die Beine entlang gehen im Kontakt zur Kleidung, kann die Füße wahrnehmen im Kontakt zum Boden oder, wenn ich knie, den Kontakt der Beine zum Boden. Und ich kann wahrnehmen: Stuhl und Boden tragen mich. Ohne dass ich etwas dazu tun muss, bin ich getragen und kann Gewicht nach unten abgeben.

Ich kann mit meiner Aufmerksamkeit zum Becken zurückkehren und mich von dort in meiner Aufrichtung wahrnehmen, die Wirbelsäule entlang Wirbel für Wirbel: weiter über den Nacken und den Hinterkopf bis hin zum Scheitel. Wenn ich möchte kann ich mir vorstellen, dass sich über mir der Himmel öffnet, aus dem mir Gutes entgegen kommt. So kann ich da sein: gut geerdet und ausgerichtet nach oben.

Ich kann die einzelnen Bereiche meines Gesichts bewusst entspannen: die Stirn, die nicht in Falten liegen muss, die Augen, die ausruhen dürfen und einmal nichts aufnehmen und sehen müssen, die Nase, die Wangen, Unterkiefer kann locker sein, ich muss die Zähne nicht zusammen beißen.

Ich kann mit meiner Aufmerksamkeit zu den Schultern gehen, Oberarme und Unterarme im Kontakt zur Kleidung wahrnehmen bis hin zu den Händen, die vielleicht im Schoß ruhen oder gefaltet sind.
Ich kann meine Atem wahrnehmen, wie er kommt und geht, ganz von selbst, ohne dass ich etwas verändern oder dazu tun muss.

So kann ich mich noch einmal im Ganzen wahrnehmen. Und wenn ich möchte, kann ich mir vorstellen, dass Gott mich liebevoll anschaut, sein Blick voller Zuwendung und Liebe auf mir ruht.

Vielleicht kann ich einen Moment der Frage nachspüren: Was brauche ich besonders? Worum möchte ich Gott bitten? Ich kann ihm meine Sehnsucht hinhalten.

Wenn ich möchte, kann ich Gott mit folgenden Worten um seine Gegenwart bitten:

  • Gott, du allein weißt, wie mein Leben gelingen kann.
  • Lehre mich, in der Stille deiner Gegenwart das Geheimnis meines Lebens zu verstehen.
  • Hilf mir loszulassen, was mich daran hindert, dir zu begegnen und mich von deinem Wort ergreifen zu lassen.
  • Hilf mir zuzulassen, was in mir Mensch werden will nach dem Bild und Gleichnis, dass du in mich gelegt hast.

Ich lese den Text für heute aus Johannes 5, die Verse 1-9.

Vor meinem inneren Auge kann ich diese Erzählung noch einmal lebendig werden lassen: In meiner Vorstellung sehe ich Jerusalem vor mir liegen, die Mauern, die Tore und Dächer der Stadt. Ein Tor liegt direkt vor mir, das Schaftor. Ich gehe durch das Tor und sehe schon bald rechts den Teich Bethesda liegen. Ich sehe viele Säulen rings um den Teich. 5 Säulenhallen gehören zu ihm. In den Säulenhallen sitzen Menschen, manche liegen. Ich sehe ihre Gesichter: Manchen kann ich ihre Krankheit ansehen, manche haben vielleicht Schmerzen. Ich erinnere mich, was von dem Teich gesagt wird: In bestimmten Zeiten wallt das Wasser auf. Die Menschen erzählen sich: Ein Engel bringt das Wasser in Bewegung. Und wer zuerst das Wasser erreicht, wird geheilt.
In einer der Säulenhallen sehe ich eine Gruppe von Männern und Frauen, ich sehe, wie sie gekleidet sind, ich sehe ihre Gesichter. Ich sehe, wie sie zwischen den Menschen auf den Liegen durch die Halle gehen. Einer von ihnen ist Jesus. Ich sehe, wie er bei einem Mann stehen bleibt, der auf einer Liege liegt. 38 Jahre schon ist das sein Platz, eine unvorstellbar lange Zeit. Ob er sich nach einer so langen Zeit überhaupt noch ein anderes, ein geheiltes Leben vorstellen kann? Ich sehe diesen Mann an seinem Platz, den er schon so lange hat, und frage mich: Wo ist eigentlich im Moment mein eigener Platz im Leben? Und – wie geht es mir da, an meinem Platz? Stimmt der für mich? Oder wäre ich gerne woanders? Oder – bin ich vielleicht gerade auf der Suche nach meinem Platz, an dem ich gut sein kann?

Ich sehe, wie Jesus den Mann ansieht, sich zu ihm hinunterbeugt und ihn anspricht. 38 Jahre ist er krank, gelähmt, versagen ihm die Beine den Dienst, kann er nicht aufstehen, nicht gehen, sich nicht selbstständig von einem Ort zum andern bewegen. Ich sehe den Mann an – dabei steigt in mir innerlich die Frage auf: Kenne ich so etwas vielleicht auf andere Weise auch? Etwas, das mich lähmt, mich bewegungslos macht? Manchmal können das innere Stimmen sein, die mich lähmen. Oder tiefe Prägungen, die ich nicht so einfach abschütteln kann. Manchmal sind es äußere Einflüsse, Situationen, die mich lähmen können. Wenn ich möchte, kann ich einmal dieser Frage Raum geben: Gibt es in meinem Leben etwas, das mich lähmt?

„Willst du gesund werden?“ höre ich Jesus zu dem kranken Mann sagen. Was für eine Frage! Das ist doch selbstverständlich! Oder etwa nicht? Was wäre das für eine umwälzende Veränderung in seinem Leben, wenn er auf einmal wieder gesund wäre, gehen, laufen könnte! Alles wäre anders! Und so höre ich in der Frage von Jesus auch: „Bist du bereit, dich auf eine solche tiefgreifende Veränderung einzulassen? Willst du das wirklich? Wieder auf eigenen Beinen im Leben stehen, selbstständig gehen können und ganz anders weiter leben zu können?“
Ich kenne den Wunsch und die Bitte, dass Jesus an bestimmten Punkten in meinem Leben, in mir etwas verändern möge, heilen möge. Aber wenn Jesus da wirklich an mir handelt und vielleicht innerlich was heilt - bin ich tatsächlich bereit und offen für eine solch tiefgreifende Veränderung in mir und meinem Verhalten? Bereit, aus alten Gleisen auszuscheren und neue Wege und Verhaltensweise einzuüben? Ich kann versuchen, auf diese Frage eine ehrliche Antwort zu finden.

Dann sehe ich das Gesicht von dem Mann, als er Jesus antwortet, seine Verzweiflung und seine Enttäuschung. Er zeigt aufs Wasser und spricht: Immer sind die anderen schneller. Was für eine frustrierende Erfahrung! Es klingt für mich so, als habe er sich selber und alle Hoffnung aufgegeben. Eine Erfahrung, die ich vielleicht auch kenne? Da sind andere schneller, besser, bekommen mehr Aufmerksamkeit, können das einfach besser als ich - und das, was ich bringe, reicht nicht. Ich spüre meine eigene Begrenztheit und Unvollkommenheit. Wie gehe ich mit solchen Erfahrungen um? Wenn ich möchte, kann ich dieser Frage einmal Raum geben.

Und dann höre ich Jesus sagen: „Steh auf! Nimm deine Liege und geh!“ Wie klingen für mich diese Worte Jesu? Unglaublich? Unfassbar? Ermutigend – allen Gegebenheiten zum Trotz? Damit rechnend, dass mehr möglich ist, als wir Menschen meinen? Ich sehe, wie der Mann seinen Oberkörper aufrichtet, sich aufsetzt. Er stellt erst ein Bein auf den Boden, dann das zweite Bein. Ich sehe, wie er die Hände an beiden Seiten aufstützt, wie er langsam aufsteht und jetzt noch etwas wacklig aber aufgerichtet dasteht. Ich sehe sein Gesicht. Ich kann sehen, wie er sich vorbeugt, seine Liege vom Boden aufhebt – und geht! In der Begegnung mit Jesus ist in ihm so viel Vertrauen gewachsen, dass er seinen Worten trauen kann. Er hat von Jesus das bekommen, was er brauchte, um aufstehen und gehen zu können. Und ich frage mich: Was brauche ich, damit die Veränderung geschehen kann, die ich ersehne? Was brauche ich – von Gott, von anderen – damit ich aufstehen, mein Bett nehmen und gehen kann, mich aus alten Gleisen in eine neue Spur rufen lassen kann? Vielleicht mag ich dieser Frage einmal nachgehen.

Ich kann jetzt in der Stille an der Stelle in der Geschichte bleiben, wo ich noch einmal genauer hinschauen, hinhören möchte.

Wenn ich möchte kann ich mir vorstellen, dass Jesus an meiner Seite ist und ich mit ihm ins Gespräch kommen kann über das, was mich bewegt - wie mit einem Freund oder einer Freundin.
Oder ich kann auch mit Jesus schweigen.

Wenn ich möchte, kann ich die Gebetszeit mit einem Vaterunser beenden.

Vielleicht möchte ich aus dieser Gebetszeit etwas aufschreiben.

Und dann schauen, was mir gut tut: ein Spaziergang oder malen oder musizieren oder was ganz Praktisches tun oder …

Vielleicht mag ich mich zu einer anderen Zeit an diesem Tag auch noch einmal einem weiteren Aspekt aus dem Text zuwenden, der in mir nachklingt.

Einen guten Tag!

 

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