Impuls für den Monat

 

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Jeweils am 1. des Monats stellen wir eine neue Meditationsübung ein.

 

Januar 2022

Geistliche Schriftbetrachtung zur Jahreslosung 2022: Joh. 6,37

„Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.
Dieses Schriftwort aus dem Johannesevangelium, Kapitel 6, Vers 37, steht als Jahreslosung über dem neuen Jahr 2022, das vor einigen Tagen begonnen hat. So eine Jahreslosung kann ein Leitmotiv für mein Leben in diesem neuen Jahr werden, ein Impuls, der mich in meinem Vorhaben und Planen leitet, in meinen Begegnungen und in meinem Reden, Empfinden und Handeln.
Ich lade Sie dazu ein, in der Stille dieses Wort Jesu für Sie selbst zu bedenken. Was bedeutet es mir? Hier und heute? Dazu richte ich mich zunächst in der stillen Betrachtung ein:
Ich mache mir bewusst, wie ich jetzt da sein kann:
Meine Füße oder Beine sind verbunden mit dem Boden, der mich trägt.

Ich spüre den Kontakt durch die Kleidung zur Sitzfläche.

Mein Rücken ist aufgerichtet, die Wirbelsäule gerade, bis hinauf zum Kopf; wie über einen Faden nach oben hin gehalten, sitze ich aufrecht – die Augen geschlossen.

Die Arme und Hände ruhen im Schoß.

Meine Sinne sind nach innen gerichtet: nichts muss ich jetzt um mich herum sehen oder hören.

Ich achte auf meinen Atem, nehme wahr, wie er kommt und geht.

Meine Gedanken sind wie die Wolken am Himmel – ich lasse sie ziehen.

So kann ich nun gegenwärtig sein vor Gott, der mich anschaut mit den Augen der Liebe.
Ich bete:

Gott, du allein weißt,
wie mein Leben gelingen kann.
Lehre mich,
in der Stille deiner Gegenwart
das Geheimnis meines Lebens zu verstehen.
Hilf mir loszulassen,
was mich daran hindert, dir zu begegnen
und mich von deinem Wort ergreifen zu lassen.
Hilf mir zuzulassen,
was in mir Mensch werden will
nach dem Bild und Gleichnis,
das du in mich hineingelegt hast. (Amen.)

Ich lese nochmals das Wort aus Johannes 6,37:
„Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“
Mancher, der oder die die Lutherversion dieses Wortes im Ohr hat, wird sich vielleicht erinnern an die Formulierung: „… werde ich nicht hinausstoßen.“ Abweisen, hinausstoßen, ablehnen, zurückweisen, vor die Tür setzen – all dies und manches andere klingt in der griechischen Vokabel des Urtextes mit an. Für den Augenblick lasse ich das dahingestellt. Im Moment kommt es auf die feinen Töne noch nicht an.
Stattdessen widme ich mich zunächst dem Schauplatz, innerhalb dessen dieser Satz fällt, und lasse ihn vor meinem inneren Auge erstehen:
Ich sehe vor mir das Ufer eines großen Sees. Es ist der See von Tiberias. Man übersieht die weitläufige Wasserfläche, in der Ferne einzelne kleine Fischerorte am Seeufer.

Am Vortag fand hier in der Nähe ein großer Volksauflauf statt. Viele Menschen aus der Umgebung, ja Tausende waren zusammengekommen, um Jesus von Nazareth zu hören, diesen vollmächtigen Prediger, der so Vieles und Gutes von Gott zu erzählen wusste. Von seinen Worten ging etwas Heilsames aus, etwas das der Seele gut tut, sie in der Gewissheit der Gemeinschaft mit Gott birgt.
Nachdem die Zusammenkunft länger dauerte, waren die Leute hungrig geworden. Dann gingen plötzlich Körbe mit Brot und Fischen durch die Reihen. Wie durch ein Wunder waren alle satt geworden. In Jesu Nähe fand man offenbar nicht nur für die Seele, sondern auch für den Leib die notwendige Nahrung.

Doch heute war alles anders. Als die Menschen, die gestern noch diese erfüllenden Begegnungen mit Jesus hatten, wieder an die Stelle kamen, wo er predigte und wo er sie an Leib und Seele sättigte, fanden sie weder ihn noch seine Jünger.
Einige stiegen in ein Boot, um ihn zu suchen, und fuhren ins nahegelegene Örtchen Kapernaum – und dort fanden sie ihn am Ufer des Sees.
Ich stelle mir diese überraschende Begegnung vor: Was mag die Leute in diesem Augenblick bewegt haben? Welche Gefühle? Jetzt, wo sie ihn wiedergefunden hatten.

Und dann höre ich Jesus reden. Er sagt: „Ihr seid zu mir gekommen, weil ihr Brot gegessen habt und satt geworden seid. Kümmert euch aber auch um die Speise, die die Seele nährt. Kümmert euch um das Brot des ewigen Lebens.“

Und weiter sagt er: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“

Und schließlich sagt er: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Ich bleibe an diesem „Abweisen“ hängen, an der Erfahrung, zurückgestoßen zu werden. Abgelehnt zu sein. Die Tür vor der Nase zugeschlagen bekommen. Wo habe ich das schon erlebt? Vielleicht erst in jüngster Zeit?

Mit welchem Gefühl bin ich aus dieser Erfahrung herausgegangen? Was geht mir davon noch nach?

Ich höre, dass es in der Gemeinschaft Jesu genau so nicht sein soll. Wenn ich bei ihm bin, im Kontakt zu ihm stehe, dann werde ich nicht abgewiesen, nicht weggeschickt.
Ich nehme mir Zeit, im Gebet diesen Zuspruch zu hören und zu bedenken.
Was heißt denn dieses „Zu-ihm-Kommen“?

Ist es eine neue Erstbegegnung für mich? Wie ein erste Einladung? Wie ein Besuch im Haus von jemandem, bei dem ich noch nie war, wohin ich aber jetzt eingeladen bin?

Die Vorfreude auf die Begegnung ist in mir; die Spannung, vielleicht auch Anspannung: Wie wird das sein? Was wird mich erwarten?

Vielleicht mischt sich auch etwas Unsicherheit oder Aufregung mit hinein?

Oder ist dieses Zu-Ihm-Kommen ein Zurückkehren? Ein Wieder-Ankommen nach einer längeren oder kürzeren Zeit des Getrenntseins?

Wie wird das sein, wenn wir uns wieder gegenüberstehen, in die Augen sehen?

Werden wir uns gleich erkennen? Wird erst einmal eine Fremdheit zwischen uns sein?

Was werden wir uns zuerst zu sagen haben? Womit sollen wir unser Gespräch beginnen? Oder vielleicht erst einmal gar nicht sprechen und nur schweigend beisammen sein?

Vielleicht empfinde ich aber auch überhaupt nichts hiervon: Die Gemeinschaft mit Jesus ist für mich weder neu noch ungewohnt. Ich bin einfach nur da, in seiner Gegenwart – wie immer.

Vielleicht war es mir einfach nur nicht mehr so bewusst, aber jetzt ist es gleich wieder da, dieses Gefühl einer Begegnung.

Oder es ist so, dass ich immer noch auf der Suche bin nach Jesus, nach seiner Gegenwart – so wie die Menschen am See von Tiberias. Ich wäre gerne in seiner Nähe, aber ich weiß nicht, wo ich ihn finden kann.

Wie es auch für mich sein mag – jetzt, heute –, ich höre in diese meine jetzige Situation hineingesprochen das Wort Jesu: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“
Ich höre:
„Wer ganz neu und erstmalig zu mir kommt, den werde ich nicht zurückweisen.“

Ich höre:
„Wenn wir uns wieder begegnen, so werde ich nicht abweisend sein.“

Ich höre: „Wer sich meiner Gegenwart neu bewusst wird, von dem werde ich mich nicht abwenden.“

Ich höre:
„Wer mich sucht, von dem lasse ich mich finden.“

Ich nehme mir Zeit für ein kurzes Gebet in der Stille und beschließe es mit dem Vaterunser

Nun kehre ich zurück an den äußeren Ort, den ich für meine Betrachtung gewählt habe. Ich nehme mich wieder wahr, wie ich sitze oder knie…, öffne meine Ohren und meine Augen für das, was mich umgibt.
Ich danke Gott mit einer kleinen stummen Geste für seine Gegenwart.
Im Anschluss an diese Betrachtung nehme ich mir Zeit, mir das Wahrgenommene noch einmal zu vergegenwärtigen, das Wort in seinem Zusammenhang in Joh. 6 nochmals für mich zu lesen. Ich nehme mir – vielleicht auch zu einem späteren Zeitpunkt an diesem Tag – Zeit für einen Spaziergang, für eine weitere Gebetszeit oder auch dafür, Gesehenes und Gehörtes zu Papier zu bringen, malend oder schreibend…
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag und ein gesegnetes neues Jahr.

 

Krypta