Impuls für den Monat

 

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Jeweils am 1. des Monats stellen wir eine neue Meditationsübung ein.

 

Januar 2021

Impuls zu Lukas 6,36

Willkommen in Gottes Gegenwart! Ein paar Atemzüge lang nehme ich mir Zeit zum Ankommen: an dem Ort, wo ich jetzt für die Dauer der Gebetszeit verweilen werde. …..

Ich kann den Kontakt zur Sitzfläche auf meinem Hocker und Kniebänkchen wahrnehmen, die Beine entlang gehen im Kontakt zur Kleidung, kann die Füße wahrnehmen im Kontakt zum Boden oder, wenn ich knie, den Kontakt der Beine zum Boden. Und ich kann wahrnehmen: Stuhl und Boden tragen mich. Ohne dass ich etwas dazu tun muss, bin ich getragen und kann Gewicht nach unten abgeben.

Ich kann mit meiner Aufmerksamkeit zum Becken zurückkehren und mich von dort in meiner Aufrichtung wahrnehmen, die Wirbelsäule entlang Wirbel für Wirbel: weiter über den Nacken und den Hinterkopf bis hin zum Scheitel. Wenn ich möchte kann ich mir vorstellen, dass sich über mir der Himmel öffnet, aus dem mir Gutes entgegenkommt. So kann ich da sein: gut geerdet und ausgerichtet nach oben.

Ich kann die einzelnen Bereiche meines Gesichts bewusst entspannen: die Stirn, die nicht in Falten liegen muss, die Augen, die ausruhen dürfen und einmal nichts aufnehmen und sehen müssen, die Nase, die Wangen, Unterkiefer kann locker sein, ich muss die Zähne nicht zusammenbeißen.

Ich kann mit meiner Aufmerksamkeit zu den Schultern gehen, Oberarme und Unterarme im Kontakt zur Kleidung wahrnehmen bis hin zu den Händen, die vielleicht im Schoß ruhen oder gefaltet sind. Ich kann meinen Atem wahrnehmen, wie er kommt und geht, ganz von selbst, ohne dass ich etwas verändern oder dazu tun muss.

So kann ich mich noch einmal im Ganzen wahrnehmen. Und wenn ich möchte, kann ich mir vorstellen, dass Gott mich liebevoll anschaut, sein Blick voller Zuwendung und Liebe auf mir ruht.

Vielleicht kann ich einen Moment der Frage nachspüren: Was brauche ich besonders? Worum möchte ich Gott bitten? Ich kann ihm meine Sehnsucht hinhalten.

Wenn ich möchte, kann ich Gott mit folgenden Worten um seine Gegenwart bitten:
Gott, du allein weißt, wie mein Leben gelingen kann.
Lehre mich, in der Stille deiner Gegenwart das Geheimnis meines Lebens zu verstehen.
Hilf mir loszulassen, was mich daran hindert, dir zu begegnen
und mich von deinem Wort ergreifen zu lassen.
Hilf mir zuzulassen, was in mir Mensch werden will
nach dem Bild und Gleichnis, dass du in mich gelegt hast.
Ich lese den Text für heute, es ist die Jahreslosung aus Lukas 6,36, aus der sogenannten Feldrede des Lukas:
Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Ich kann zunächst vor meinem inneren Auge die Situation lebendig werden lassen, in der Jesus diese Worte sagt: In meiner Vorstellung sehe ich – wie ein Vogel von oben – die Landschaft im Gebiet des Nahen Ostens auftauchen. Ich sehe die trockenen Wüstengebiete, die grüne Landschaft von Galiläa. Ich komme näher. Ich sehe die weite Landschaft am Fuß des Berg Tabor. Dort, an einem Ort, an dem man sich gut lagern kann, sehe ich eine große Menschenmenge. Ich gehe dichter heran, sehe ganz unterschiedliche Menschen: Eltern mit ihren Kindern, die herumlaufen und spielen, Menschen, die von einer Krankheit gezeichnet sind, Neugierige, die einfach mal schauen wollten, was hier los ist, andere, die ganz gesammelt und konzentriert sind, wieder andere, denen die Hoffnung ins Gesicht geschrieben ist, dass hier etwas geschehen könnte, was gut für sie ist und ihr Leben verändert. Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf eine Stelle, wo eine kleine Gruppe von Menschen steht: einige Männer und Frauen, die sich um einen Mann scharen: Ich schaue hin – es ist Jesus, der da im Zentrum steht.
„Alle Leute versuchten, ihn zu berühren; denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte“ erzählt Lukas. Ich sehe, wie alle versuchen, in die Nähe von Jesus zu kommen, ihn zu berühren, etwas von seiner heilenden Kraft zu empfangen, die von ihm ausgeht, sich von der heilsamen Energie, die er verströmt, berühren zu lassen. Dann sehe ich, wie Jesus seine Augen auf die Menge richtet. Schaut er mich auch an? Und dann höre ich ihn sagen: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Ich horche auf: „barmherzig sein“ – wenn ich das einem Menschen abnehme, überzeugend von Barmherzigkeit zu reden – dann ist das Jesus. Sonst tauchen eher Bilder von falscher Barmherzigkeit vor meinem inneren Auge auf: Menschen, die gönnerhaft hilfsbedürftigen Kindern die Wange tätscheln; die zeigen wie toll sie sind, wo es eigentlich eher um sie selber geht als um die, die Hilfe brauchen. Ich spüre: Das meint Jesus nicht, wenn er davon spricht, barmherzig zu sein. Aber wie meint er es dann? Ich höre genauer hin: Was sagt er? „Richtet nicht, verurteilt nicht“ – und ich merke: Das bedeutet für ihn barmherzig sein: den anderen / die andere mit liebevollen Augen anschauen, ihn oder sie nicht verurteilen, mit Gottes Augen der Liebe auf den anderen / die andere schauen. Genauso fühle ich mich gerade von Jesus angeschaut, mit einem barmherzigen Blick, der nicht verurteilt.
Wenn ich möchte, kann ich mir jetzt dafür bewusst einmal Zeit nehmen und mir vorstellen, dass Jesus mich liebevoll anschaut, ohne mich zu verurteilen, mit Augen voller Liebe und Barmherzigkeit und dem Raum geben… Wie ist das für mich? …

„wie auch euer Vater barmherzig ist“ sagt Jesus. Ich stolpere beim Zuhören. Weiß Jesus, was er da sagt? Wie viele erleben ihren Vater nicht als barmherzig, liebevoll, sondern eher unbarmherzig, hart. Ein schwieriges Bild – auch, wenn Jesus hier von Gott als Vater spricht, der ein so ganz anderer Vater ist: einer, dessen Augen voller Liebe und Barmherzigkeit auf mir ruhen.
Aber möglicherweise kommen mir ja andere Erinnerungen an Menschen, die mir „barmherzig“ begegnet sind: offen, ohne mich zu verurteilen, wo ich gespürt habe: ihr Herz steht mir vorbehaltlos offen. Vielleicht möchte ich mir dafür einmal Zeit nehmen: Gott zu danken für all die in meinem Leben, bei denen ich erlebt habe: sie sind bedingungslos da für mich, die verurteilen mich nicht, egal, was ich mitbringe.

Immer noch spüre ich die liebevollen Augen Jesu auf mir ruhen. „Sei barmherzig“ sagt er. „Schau mit den Augen Gottes.“ Doch dann höre ich, wie er die Worte etwas abwandelt. Was sagt er? „Sei barmherzig – mit dir!“ Ich höre:
Gottes Augen ruhen voller Barmherzigkeit auf mir. Ich selber sehe mich vielleicht manchmal ganz anders an:
unbarmherzig mit mir selber. Wenn ich meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge. Oder merke, wie ich anderen nicht gerecht werden kann – und mich dafür dann vielleicht selber verurteile. Wie schaue ich mich selber an? Mit welchen Augen? Wenn ich möchte, kann ich dieser Frage einmal Raum geben. Vielleicht einmal üben, wie das ist: Mich selber mit den Augen der Barmherzigkeit anschauen, so wie Gott es auch tut. …

Mich selber barmherzig, mit den liebevollen Augen Gottes anschauen – und meine Mitmenschen auch. Wenn ich möchte, kann ich mir vielleicht vor meinem inneren Auge einen Menschen vorstellen, wo ich das jetzt einmal in der Stille ganz bewusst tun möchte: ihn oder sie in meiner Vorstellung bewusst mit den Augen Gottes anschauen, den anderen / die andere in den Raum der Barmherzigkeit Gottes stellen. …

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Ich höre, wie Jesus mich mit diesen Worten am Beginn des neuen Jahres einlädt, jeden Tag neu aus der heilsamen Kraft der Liebe und Barmherzigkeit Gottes zu leben - für mich selber und für andere.

Ich kann jetzt in der Stille da verweilen, wo ich noch einmal genauer hinschauen, hinhören möchte.

Wenn ich möchte kann ich mir vorstellen, dass Jesus an meiner Seite ist und ich mit ihm ins Gespräch kommen kann über das, was mich bewegt - wie mit einem Freund oder einer Freundin.
Oder ich kann auch mit Jesus schweigen.
Wenn ich möchte, kann ich die Gebetszeit mit einem Vaterunser beenden.

Vielleicht möchte ich aus dieser Gebetszeit etwas aufschreiben.

Und dann schauen, was mir guttut: ein Spaziergang oder malen oder musizieren oder ganz praktisch etwas tun oder…

Vielleicht mag ich mich zu einer anderen Zeit an diesem Tag auch noch einmal einem weiteren Aspekt aus dem Text zuwenden, der in mir nachklingt.

Einen guten Tag!

 

Februar 2021

Anleitung zu Lukas 2,22.25 - 33.36 - 38

Geistliche Schriftbetrachtung zu Lukas 2,22.25 - 33.36 - 38

Ich mache mir zunächst bewusst, wie ich jetzt da sein kann: Meine Füße oder Beine sind verbunden mit dem Boden, der mich trägt. …

Ich spüre den Kontakt durch die Kleidung zur Sitzfläche. …

Mein Rücken ist aufgerichtet, die Wirbelsäule gerade, bis hinauf zum Kopf; wie über einen Faden nach oben hin gehalten, sitze ich aufrecht – die Augen geschlossen. …

Die Arme und Hände ruhen im Schoß. …

Meine Sinne sind nach innen gerichtet: nichts muss ich jetzt um mich herum sehen oder hören. …

Ich achte auf meinen Atem, nehme wahr, wie er kommt und geht. …

Meine Gedanken sind wie die Wolken am Himmel – ich lasse sie ziehen. …

So kann ich nun gegenwärtig sein vor Gott, der mich anschaut mit den Augen der Liebe.
Ich bete:
Gott, du allein weißt,
wie mein Leben gelingen kann.
Lehre mich,
in der Stille deiner Gegenwart
das Geheimnis meines Lebens zu verstehen.
Hilf mir loszulassen,
was mich daran hindert, dir zu begegnen
und mich von deinem Wort ergreifen zu lassen.
Hilf mir zuzulassen,
was in mir Mensch werden will
nach dem Bild und Gleichnis,
das du in mich hineingelegt hast. (Amen.)

Ich lese den Textabschnitt für die Betrachtung aus Lukas 2,22.25-33.36-38.
Vor meinen inneren Augen bereite ich mir zunächst den Schauplatz dessen, wovon der Evangelist Lukas hier spricht:
Ich nehme den Tempel wahr mit seinen Mauern, Toren, Vorhöfen und Hallen. Hoch aufragende Säulen, die den Blick nach oben ziehen. Ich betrachte den Schmuck dieses Ortes, rieche den Duft von Kerzen und Rauchwerk. Ich nehme mir Zeit, die besondere Atmosphäre dieses Ortes auf mich wirken zu lassen. …

Man sagt, es in einer ganz besonderen Weise ein Ort der Gegenwart Gottes – und vielleicht kann ich davon etwas spüren. …

Im Jerusalemer Tempel sind noch andere Personen:
Ich stelle mir die Eltern Jesu vor – Maria und Josef mit dem neugeborenen Kind. …

Möglicherweise fühle ich mich heute ihnen besonders nahe, kann mich einfühlen in ihre Freude und ihr Staunen über das Wunder neuen Lebens, das ihnen zuteil wurde. …

Möglicherweise kann ich etwas von der Dankbarkeit mitempfinden, die sie hierher gebracht hat. …

Möglicherweise teile ich mit ihnen die Fragen im Blick auf die noch ungeschriebenen, ungelebten Tage dieses neuen Lebens:
Was wird auf uns, auf mich zukommen? Was wird geschehen? Werde ich es annehmen können? Und wenn ja, wie? Werde ich die Phantasie haben, diese Tage zu gestalten, und die Kraft, sie zu bestehen?
Woher kommt mir Hilfe zu? …

Ich sehe das Kind auf den Armen der Eltern. Möglicherweise fühle ich mich jetzt gerade ihm besonders nahe, empfinde etwas von seiner Geborgenheit und Unbescholtenheit, genieße mit ihm die Ruhe und die Gelassenheit, jetzt und hier nichts tun zu müssen.
Ich darf mich dem, was geschieht überlassen, ihm anvertrauen – es darf geschehen, an mir geschehen. …

Und da ist Simeon, ein alter Mann, fromm und gottesfürchtig sei er – so heißt es. Vielleicht entdecke ich an ihm etwas von mir selbst, oder aber ich kennen jemanden, an den er mich erinnert. …

Vom Geist Gottes geführt kommt er an diesem Tag in den Tempel (vielleicht wie auch sonst öfters). Doch heute kommt er mit einer besonderen Erwartung. …

Er soll Christus, den Herrn sehen. …

Christus schauen, den Herrn – den Messias – den Retter und Trost Israels, und auch Retter und Trost für mich – Erlöser – Befreier – Heiler – Sohn Gottes – Mensch gewordener Gott – Wort Gottes – Verheißung – Hoffnungsträger – Licht der Welt – Bruder – König der Herzen. …

Das Kind wird in seine Arme gelegt. …

Und ich höre ihn sagen: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden ziehen, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben den Heiland gesehen.“ …

Und da ist Hanna, eine Witwe, hochbetagt, die im Tempel lebt Tag und Nacht und Gott dient mit Fasten und Beten – ein besonderes Vorrecht, so allezeit in der Gegenwart Gottes sein zu dürfen. …

Sie wird eine „Prophetin“ genannt, sie hat den besonderen Blick für die Worte und Zeichen Gottes. …

Ich sehe sie vor mir stehen, bei Maria, Josef, dem Kind und Simeon, höre sie sprechen oder singen, fühle mich ihr vielleicht besonders nahe. …

„Sie pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Israels warten.“
Ich nehme mir Zeit für ein kurzes Gebet in der Stille und beschließe es mit dem Vaterunser.
Nun kehre ich zurück an den äußeren Ort, den ich für meine Schriftbetrachtung gewählt habe. Ich nehme mich wieder wahr, wie ich sitze oder knie…, öffne meine Ohren und meine Augen für das, was mich umgibt.
Ich danke Gott mit einer kleinen stummen Geste für seine Gegenwart.
Im Anschluss an diese Betrachtung nehme ich mir Zeit, mir das Wahrgenommene noch einmal zu vergegenwärtigen, den Text aus Jesaja 35 nochmals für mich zu lesen – vielleicht auch nur in Abschnitten oder einzelnen Versen. Ich nehme mir Zeit für einen Spaziergang, eine weitere Gebetszeit oder auch dafür Gesehenes und Gehörtes zu Papier zu bringen, malend oder schreibend …

„Ihnen einen gesegneten Tag!“

 

März 2021

Anleitung zu Jesaja 35,1-10

Geistliche Schriftbetrachtung zu Jesaja 35,1-10

Ich mache mir zunächst bewusst, wie ich jetzt da sein kann: Meine Füße oder Beine sind verbunden mit dem Boden, der mich trägt. …

Ich spüre den Kontakt durch die Kleidung zur Sitzfläche. …

Mein Rücken ist aufgerichtet, die Wirbelsäule gerade, bis hinauf zum Kopf; wie über einen Faden nach oben hin gehalten, sitze ich aufrecht – die Augen geschlossen. …

Die Arme und Hände ruhen im Schoß. …

Meine Sinne sind nach innen gerichtet: nichts muss ich jetzt um mich herum sehen oder hören. …

Ich achte auf meinen Atem, nehme wahr, wie er kommt und geht. …

Meine Gedanken sind wie die Wolken am Himmel – ich lasse sie ziehen. …

So kann ich nun gegenwärtig sein vor Gott, der mich anschaut mit den Augen der Liebe. Ich bete:
Gott, du allein weißt,
wie mein Leben gelingen kann.
Lehre mich,
in der Stille deiner Gegenwart
das Geheimnis meines Lebens zu verstehen.
Hilf mir loszulassen,
was mich daran hindert, dir zu begegnen
und mich von deinem Wort ergreifen zu lassen.
Hilf mir zuzulassen,
was in mir Mensch werden will
nach dem Bild und Gleichnis,
das du in mich hineingelegt hast. (Amen.)

Ich lese den Textabschnitt für die Betrachtung aus Jesaja 35,1-10. Vor meinen inneren Augen bereite ich mir zunächst den Schauplatz dessen, wovon der Prophet Jesaja hier spricht: Vor mir breitet sich eine weite Wüstenlandschaft aus – vielleicht kenne ich solche Landschaften, bin dort einmal gewesen, habe sie selbst durchwandert. …

Vielleicht erinnert der Ausdruck „Wüste“ mich auch an karge Landschaften in meinem Leben, an Dürrezeiten – ich spüre meinen Empfindungen nach. …

Doch da stellt sich noch etwas anderes ein in dem Bild, von dem der Prophet spricht: Hier und da sprießt etwas auf; da ist Fruchtbarkeit zu sehen – und Wasserquellen. Vielleicht kann ich sogar das Plätschern hören, das Rascheln der Blätter, und vielleicht kann ich den Blumenduft inmitten dieser Wüste riechen – die Lilien, Gras und Rohr und Schilf. …

Die Wüste wandelt sich: es nicht alles öde und leer, sondern mehr und mehr kehren Farben, kehrt schöpferisches Leben ein. …

Ich nehme Tiere wahr: ein Schakal, der sich zurückzieht; ein Hirsch, der an die Quelle tritt, um zu trinken; Vögel in den Zweigen, die zwitschern. …

Ich vernehme ein Lachen, ein Summen, ein Singen. …

Und ich höre jemanden sagen: „Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie.“ Es gilt auch mir, meinen müden Händen, meinen wankenden Knien. …

Und weiter: „Seid getrost! Fürchtet euch nicht! Sehr, da ist euer Gott!“ Das gilt auch meinem verzagten Herzen. …

Ich höre auch davon reden, dass Gott zur Rache kommt und vergilt – Wie höre ich das? Was löst es in mir aus? Spüre ich auch in mir Verbitterung oder Wut über erlittenes Unrecht und den Wunsch, da möge einer kommen und vergelten, was mir angetan wurde? …

Die Augen der Blinden sollen geöffnet werden und die Ohren der Tauben. Wofür bin ich blind – oder taub und unempfindsam? …

Was kann mir mit einem neuen Sehen oder Hören geschenkt werden? …

Die Lahmen sollen springen, und die Zunge der Stummen sich lösen.
Wo fühle ich mich gelähmt oder schwerfällig und unbeweglich? Wodurch hat es mir die Sprache verschlagen? …

Und wie ist es für mich, neu auf die Beine zu kommen, neue Worte in den Mund gelegt zu bekommen? …

Ich sehe einen Weg, eine Bahn: sicher und breit und gerade, geebnet und geschützt. Es ist die „Straße des Herrn und seiner Heiligen“, derer, die zu ihm gehören. Auch ich bin eingeladen, sie zu betreten, auf ihr entlangzugehen, meinen Weg dort weiter zu verfolgen. …

Und ich höre einen Zuspruch: „Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.“
Ich nehme mir Zeit für ein kurzes Gebet in der Stille und beschließe es mit dem Vaterunser. Nun kehre ich zurück an den äußeren Ort, den ich für meine Schriftbetrachtung gewählt habe. Ich nehme mich wieder wahr, wie ich sitze oder knie…, öffne meine Ohren und meine Augen für das, was mich umgibt.
Ich danke Gott mit einer kleinen stummen Geste für seine Gegenwart.
Im Anschluss an diese Betrachtung nehme ich mir Zeit, mir das Wahrgenommene noch einmal zu vergegenwärtigen, den Text aus Jesaja 35 nochmals für mich zu lesen – vielleicht auch nur in Abschnitten oder einzelnen Versen. Ich nehme mir Zeit für einen Spaziergang, eine weitere Gebetszeit oder auch dafür Gesehenes und Gehörtes zu Papier zu bringen, malend oder schreibend…

„Ihnen einen gesegneten Tag!“

 

April 2021

Impuls zu Johannes 5,1-9

Impuls zu Johannes 5,1-9

Willkommen in Gottes Gegenwart! Ein paar Atemzüge lang nehme ich mir Zeit zum Ankommen: an dem Ort, wo ich jetzt für die Dauer der Gebetszeit verweilen werde.

Ich kann den Kontakt zur Sitzfläche auf meinem Hocker und Kniebänkchen wahrnehmen, die Beine entlang gehen im Kontakt zur Kleidung, kann die Füße wahrnehmen im Kontakt zum Boden oder, wenn ich knie, den Kontakt der Beine zum Boden. Und ich kann wahrnehmen: Stuhl und Boden tragen mich. Ohne dass ich etwas dazu tun muss, bin ich getragen und kann Gewicht nach unten abgeben.

Ich kann mit meiner Aufmerksamkeit zum Becken zurückkehren und mich von dort in meiner Aufrichtung wahrnehmen, die Wirbelsäule entlang Wirbel für Wirbel: weiter über den Nacken und den Hinterkopf bis hin zum Scheitel. Wenn ich möchte kann ich mir vorstellen, dass sich über mir der Himmel öffnet, aus dem mir Gutes entgegen kommt. So kann ich da sein: gut geerdet und ausgerichtet nach oben.

Ich kann die einzelnen Bereiche meines Gesichts bewusst entspannen: die Stirn, die nicht in Falten liegen muss, die Augen, die ausruhen dürfen und einmal nichts aufnehmen und sehen müssen, die Nase, die Wangen, Unterkiefer kann locker sein, ich muss die Zähne nicht zusammen beißen.

Ich kann mit meiner Aufmerksamkeit zu den Schultern gehen, Oberarme und Unterarme im Kontakt zur Kleidung wahrnehmen bis hin zu den Händen, die vielleicht im Schoß ruhen oder gefaltet sind.
Ich kann meine Atem wahrnehmen, wie er kommt und geht, ganz von selbst, ohne dass ich etwas verändern oder dazu tun muss.

So kann ich mich noch einmal im Ganzen wahrnehmen. Und wenn ich möchte, kann ich mir vorstellen, dass Gott mich liebevoll anschaut, sein Blick voller Zuwendung und Liebe auf mir ruht.

Vielleicht kann ich einen Moment der Frage nachspüren: Was brauche ich besonders? Worum möchte ich Gott bitten? Ich kann ihm meine Sehnsucht hinhalten.

Wenn ich möchte, kann ich Gott mit folgenden Worten um seine Gegenwart bitten:

  • Gott, du allein weißt, wie mein Leben gelingen kann.
  • Lehre mich, in der Stille deiner Gegenwart das Geheimnis meines Lebens zu verstehen.
  • Hilf mir loszulassen, was mich daran hindert, dir zu begegnen und mich von deinem Wort ergreifen zu lassen.
  • Hilf mir zuzulassen, was in mir Mensch werden will nach dem Bild und Gleichnis, dass du in mich gelegt hast.

Ich lese den Text für heute aus Johannes 5, die Verse 1-9.

Vor meinem inneren Auge kann ich diese Erzählung noch einmal lebendig werden lassen: In meiner Vorstellung sehe ich Jerusalem vor mir liegen, die Mauern, die Tore und Dächer der Stadt. Ein Tor liegt direkt vor mir, das Schaftor. Ich gehe durch das Tor und sehe schon bald rechts den Teich Bethesda liegen. Ich sehe viele Säulen rings um den Teich. 5 Säulenhallen gehören zu ihm. In den Säulenhallen sitzen Menschen, manche liegen. Ich sehe ihre Gesichter: Manchen kann ich ihre Krankheit ansehen, manche haben vielleicht Schmerzen. Ich erinnere mich, was von dem Teich gesagt wird: In bestimmten Zeiten wallt das Wasser auf. Die Menschen erzählen sich: Ein Engel bringt das Wasser in Bewegung. Und wer zuerst das Wasser erreicht, wird geheilt.
In einer der Säulenhallen sehe ich eine Gruppe von Männern und Frauen, ich sehe, wie sie gekleidet sind, ich sehe ihre Gesichter. Ich sehe, wie sie zwischen den Menschen auf den Liegen durch die Halle gehen. Einer von ihnen ist Jesus. Ich sehe, wie er bei einem Mann stehen bleibt, der auf einer Liege liegt. 38 Jahre schon ist das sein Platz, eine unvorstellbar lange Zeit. Ob er sich nach einer so langen Zeit überhaupt noch ein anderes, ein geheiltes Leben vorstellen kann? Ich sehe diesen Mann an seinem Platz, den er schon so lange hat, und frage mich: Wo ist eigentlich im Moment mein eigener Platz im Leben? Und – wie geht es mir da, an meinem Platz? Stimmt der für mich? Oder wäre ich gerne woanders? Oder – bin ich vielleicht gerade auf der Suche nach meinem Platz, an dem ich gut sein kann?

Ich sehe, wie Jesus den Mann ansieht, sich zu ihm hinunterbeugt und ihn anspricht. 38 Jahre ist er krank, gelähmt, versagen ihm die Beine den Dienst, kann er nicht aufstehen, nicht gehen, sich nicht selbstständig von einem Ort zum andern bewegen. Ich sehe den Mann an – dabei steigt in mir innerlich die Frage auf: Kenne ich so etwas vielleicht auf andere Weise auch? Etwas, das mich lähmt, mich bewegungslos macht? Manchmal können das innere Stimmen sein, die mich lähmen. Oder tiefe Prägungen, die ich nicht so einfach abschütteln kann. Manchmal sind es äußere Einflüsse, Situationen, die mich lähmen können. Wenn ich möchte, kann ich einmal dieser Frage Raum geben: Gibt es in meinem Leben etwas, das mich lähmt?

„Willst du gesund werden?“ höre ich Jesus zu dem kranken Mann sagen. Was für eine Frage! Das ist doch selbstverständlich! Oder etwa nicht? Was wäre das für eine umwälzende Veränderung in seinem Leben, wenn er auf einmal wieder gesund wäre, gehen, laufen könnte! Alles wäre anders! Und so höre ich in der Frage von Jesus auch: „Bist du bereit, dich auf eine solche tiefgreifende Veränderung einzulassen? Willst du das wirklich? Wieder auf eigenen Beinen im Leben stehen, selbstständig gehen können und ganz anders weiter leben zu können?“
Ich kenne den Wunsch und die Bitte, dass Jesus an bestimmten Punkten in meinem Leben, in mir etwas verändern möge, heilen möge. Aber wenn Jesus da wirklich an mir handelt und vielleicht innerlich was heilt - bin ich tatsächlich bereit und offen für eine solch tiefgreifende Veränderung in mir und meinem Verhalten? Bereit, aus alten Gleisen auszuscheren und neue Wege und Verhaltensweise einzuüben? Ich kann versuchen, auf diese Frage eine ehrliche Antwort zu finden.

Dann sehe ich das Gesicht von dem Mann, als er Jesus antwortet, seine Verzweiflung und seine Enttäuschung. Er zeigt aufs Wasser und spricht: Immer sind die anderen schneller. Was für eine frustrierende Erfahrung! Es klingt für mich so, als habe er sich selber und alle Hoffnung aufgegeben. Eine Erfahrung, die ich vielleicht auch kenne? Da sind andere schneller, besser, bekommen mehr Aufmerksamkeit, können das einfach besser als ich - und das, was ich bringe, reicht nicht. Ich spüre meine eigene Begrenztheit und Unvollkommenheit. Wie gehe ich mit solchen Erfahrungen um? Wenn ich möchte, kann ich dieser Frage einmal Raum geben.

Und dann höre ich Jesus sagen: „Steh auf! Nimm deine Liege und geh!“ Wie klingen für mich diese Worte Jesu? Unglaublich? Unfassbar? Ermutigend – allen Gegebenheiten zum Trotz? Damit rechnend, dass mehr möglich ist, als wir Menschen meinen? Ich sehe, wie der Mann seinen Oberkörper aufrichtet, sich aufsetzt. Er stellt erst ein Bein auf den Boden, dann das zweite Bein. Ich sehe, wie er die Hände an beiden Seiten aufstützt, wie er langsam aufsteht und jetzt noch etwas wacklig aber aufgerichtet dasteht. Ich sehe sein Gesicht. Ich kann sehen, wie er sich vorbeugt, seine Liege vom Boden aufhebt – und geht! In der Begegnung mit Jesus ist in ihm so viel Vertrauen gewachsen, dass er seinen Worten trauen kann. Er hat von Jesus das bekommen, was er brauchte, um aufstehen und gehen zu können. Und ich frage mich: Was brauche ich, damit die Veränderung geschehen kann, die ich ersehne? Was brauche ich – von Gott, von anderen – damit ich aufstehen, mein Bett nehmen und gehen kann, mich aus alten Gleisen in eine neue Spur rufen lassen kann? Vielleicht mag ich dieser Frage einmal nachgehen.

Ich kann jetzt in der Stille an der Stelle in der Geschichte bleiben, wo ich noch einmal genauer hinschauen, hinhören möchte.

Wenn ich möchte kann ich mir vorstellen, dass Jesus an meiner Seite ist und ich mit ihm ins Gespräch kommen kann über das, was mich bewegt - wie mit einem Freund oder einer Freundin.
Oder ich kann auch mit Jesus schweigen.

Wenn ich möchte, kann ich die Gebetszeit mit einem Vaterunser beenden.

Vielleicht möchte ich aus dieser Gebetszeit etwas aufschreiben.

Und dann schauen, was mir gut tut: ein Spaziergang oder malen oder musizieren oder was ganz Praktisches tun oder …

Vielleicht mag ich mich zu einer anderen Zeit an diesem Tag auch noch einmal einem weiteren Aspekt aus dem Text zuwenden, der in mir nachklingt.

Einen guten Tag!

 

Mai 2021

Impuls zu Lukas 5,1-11

Impuls zu Lukas 5,1-11

Ich nehme mich zunächst wahr, wie ich heute Morgen oder jetzt, wo ich die Gebetszeit beginne, da bin:

Ich spüre den Kontakt zur Sitzfläche auf meinem Stuhl oder auf dem Hocker, gehe mit meiner Wahrnehmung meine Beine entlang, spüre sie im Kontakt zur Kleidung, nehme dann meine Fußsohlen war, wie sie auf dem Boden aufruhen. Oder, wenn ich knie, nehme ich wahr, wo ich Bodenkontakt habe.

Mit meiner Kopfkrone spüre ich zur Decke hin, nehme war, wie ich dadurch aufgerichtet werde. Vom Scheitel bis zum Becken spüre ich diese Aufrichtung. Ich kann meinen Nacken spüren und meinen Rücken entlanggehen, spüre ihn im Kontakt zur Kleidung, bis ich wieder im Becken angekommen bin. In dieser Aufrichtung kann ich eine Weile wach und gesammelt dasitzen.

Von der Schulter her nehme ich meine Arme und meine Hände wahr, wie sie ineinander gelegt auf dem Schoß ruhen, vielleicht auf einem Kissen.

Ich nehme wahr, wie mein Atem kommt und geht, ich empfange ihn und lasse ihn wieder los.

Dann kann ich mir bewusst machen, dass Gott mich liebevoll anschaut. Ich habe jetzt Raum bei ihm und für mich. Ich verweile bei der Wahrnehmung des liebevollen Blicks von Gott her, bis er vielleicht mein Herz erreichen kann.

Wie bin ich jetzt da, ich nehme es wahr, ohne es zu werten. Wohin geht meine Sehnsucht? Ich halte sie Gott hin.

Dann kann ich Gott bitten, dass ich jetzt da sein kann im Gebet vor ihm, wenn ich will mit folgendem Gebet:

Gott, du allein weißt, wie mein Leben gelingen kann.
Lehre mich, in der Stille deiner Gegenwart das Geheimnis meines Lebens zu verstehen.
Hilf mir loszulassen, was mich daran hindert, dir zu begegnen
und mich von deinem Wort ergreifen zu lassen.
Hilf mir zuzulassen, was in mir Mensch werden will
nach dem Bild und Gleichnis, dass du in mich gelegt hast.
Lesung Luk 5,1-11

Wir gehen in der Meditation nochmal den Text entlang, ich kann jederzeit stoppen und verweilen, wie das für mich gut ist. Bei den kurzen Impulsen erklingt eine andere Übersetzung.

 

LK 5,1-11

1 Es geschah aber, als die Volksmenge auf ihn andrängte, um das Wort Gottes zu hören, dass er an dem See Genezareth stand. 2 Und er sah zwei Boote am See liegen; die Fischer aber waren aus ihnen ausgestiegen und wuschen die Netze. 3 Er aber stieg in eins der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land hinauszufahren; und er setzte sich und lehrte die Volksmengen vom Boot aus.

Ich kann wieder ein inneres Bild von dieser Erzählung entstehen lassen. Die Fischer sind am Ufer und reinigen die Netze. Das ist der Fischeralltag, eine gewöhnliche Arbeit.

Was sind meine Netze? Was sind meine Geräte, meine Arbeitsmittel, mit denen ich umgehe. Ich habe jetzt in diesen Alltagsexerzitien ein wenig Zeit, um nachzudenken. Ich stelle mir vor, sie zu reinigen, sie anzuschauen und sie zu ordnen…

Jesus steigt in das Boot des Petrus und bittet ihn, ein wenig hinaus zu fahren. Wie mag das für Petrus gewesen sein? Ich kann mir auch vorstellen, dass Jesus in mein Lebensboot steigt. Wie ist das für mich? Erschrecke ich oder freue ich mich?

Und dann spricht Jesus vom Boot aus. Ich stelle mir das vor und spüre die Atmosphäre, die von ihm ausgeht. Was höre ich von ihm?

4 Als er aber aufhörte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus auf die Tiefe, und lasst eure Netze zu einem Fang hinab! 5 Und Simon antwortete und sprach zu ihm: Meister, wir haben uns die ganze Nacht hindurch bemüht und nichts gefangen, aber auf dein Wort will ich die Netze hinablassen.

Nachdem Jesus aufgehört hat zu reden, spricht er Simon an und bittet, nochmal zum Fischen hinauszufahren. Am Tag ist es jedoch kaum möglich, Fische zu fangen. Eine Aufforderung gegen alle Erfahrungen.

Ich fühle nach, was es heißt: die ganze Nacht bemüht und nichts gefangen. Kenne ich auch solche Nächte, Zeiten der Vergeblichkeit in meinem Leben? Solche Gefühle der Ohnmacht, der Mutlosigkeit? Ich nehme mir Zeit, dem nachzuspüren und es vor Jesus auszubreiten, es ihm zu sagen, vielleicht es ihm zu klagen.

Petrus und seine Gefährten bleiben nicht an den alten Erfahrungen hängen, versinken nicht in Selbstmitleid oder in eine Depression. Sie lassen sich von Jesus ansprechen und neu herausfordern. Die Jünger könnten auch sagen: Du hast ja keine Ahnung vom Fischfang, Du spinnst. Wir haben die Erfahrung. Sie springen über ihre Erfahrung hinweg, über die alte Fischerweisheit, dass man nur nachts fischt und wagen, auf Jesus zu vertrauen. Sie machen dadurch eine neue Erfahrung.

Kann ich alte Erfahrungen loslassen und mich neu von Jesus ansprechen und herausfordern lassen? Vielleicht auf das Wort Jesu hin Ungewöhnliches wagen? Was hieße für mich der Aufforderung, es noch einmal zu wagen trotz enttäuschender Erfahrungen, nachzukommen?

Aber auf Dein Wort: ich höre dem „auf dein Wort“ des Petrus nach. Habe ich schon mal die Erfahrung gemacht, dass ich auf sein Wort etwas gewagt habe? Wo würde ich gern noch mal etwas wagen im Vertrauen auf Gott? Was höre ich für mich?

6 Und als sie dies getan hatten, umschlossen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze rissen. 7 Und sie winkten ihren Gefährten in dem anderen Boot, dass sie kämen und ihnen hülfen; und sie kamen, und sie füllten beide Boote, so dass sie zu sinken drohten.

Die Jünger haben es gewagt auf sein Wort. Gegen alle Erfahrung. Sie werden beschenkt mit einer Überfülle, das geht über ihr Verstehen: volle Netze. Kenne ich Erfahrungen der Fülle, ein beschenkt werden ganz unerwartet? Vielleicht habe ich etwas gewagt, bin über meinen Schatten gesprungen? Oder wo ersehne ich mir eine solche Erfahrung? Ich spüre nach, kann mich vielleicht erinnern und dafür danken.

Volle Netze, sie drohen zu zerreißen. Manchmal gibt es Erfahrungen des zu viel, Zerreißproben. Wo sind meine Zerreißproben?
Bleibe ich damit allein oder winke ich Gefährten? Lass ich mir helfen, dass ich mit Hilfe anderer diese Zerreißprobe bestehen kann? Habe ich Gefährten oder Gefährtinnen, denen ich winken kann, wenn ich Hilfe brauche?

8 Als aber Simon Petrus es sah, fiel er zu den Knien Jesu nieder und sprach: Geh von mir hinaus! Denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr. 9 Denn Entsetzen hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über den Fischfang den sie getan hatten; 10 ebenso aber auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, die Gefährten von Simon waren.

Petrus fällt in die Knie, er ist erschüttert, überwältigt von dem großen Fischfang, von der überraschenden Erfahrung. Er spürt, dahinter steht Gott. In die Knie gehen – eine Geste der Anbetung. Kenne ich solche Erfahrungen des Überwältigtseins?

Petrus erkennt sich und erschrickt – So bin ich vor Jesus? Wie bin ich vor Ihm? Es ist eine Erfahrung des Kleinseins vor dem großen Gott? Ich spüre dem nach.

10 Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Von nun an wirst du Menschen fangen. (wörtlich: lebendig fangen) andere Übersetzung: «Fürchte dich nicht! Du wirst jetzt keine Fische mehr fangen, sondern Menschen für mich gewinnen.» 11 Und als sie die Boote ans Land gebracht hatten, verließen sie alles und folgten ihm nach.

Petrus bekommt einen neuen Auftrag. Da, wo er sich unwürdig fühlt, wird er beschenkt mit dem Zutrauen Jesu, der im einen großen Auftrag anvertraut. Gerade da, wo ich mich vielleicht ungenügend fühle, kann ich Empfangende werden für das, was Gott schenkt. Ein Geheimnis.

Simon Petrus lässt Altes zurück und empfängt eine neue Lebensaufgabe. Die andern gehen mit ihm. Sie sind überwältigt von einer Liebe, die sie zu Neuem ruft.

Wo ist es für mich dran, im Glauben etwas loszulassen und Neues zu empfangen, der Erfahrung der Liebe zu trauen?

 

Ich verweile noch eine Zeitlang in der Stille, vielleicht an einer Stelle, die mich besonders berührt hat.

Zum Schluss der Gebetszeit kann ich noch mal zurückschauen, was war für mich besonders bedeutsam, oder auch wo bin ich weggewandert mit meinen Gedanken. Das wahrnehmen ohne Wertung.
Ich kann das noch mal in Worte fassen und es zu Gott oder zu Christus oder zum Heiligen Geist hin aussprechen. Es in einem Gebet formulieren. Vielleicht möchte ich mir ein paar Notizen machen über das, was mir noch nachgeht.

Dann beende ich die Gebetszeit mit einer Geste oder mit einem Vaterunser. Und nehme mir Zeit zum Spazierengehen oder zu einer Tätigkeit, die mir Raum gibt, dass etwas nachklingen kann.

Wenn ich möchte und Zeit habe, kann ich den Text in einer weiteren Gebetszeit noch mal bewegen und vertiefen.

Ich kann auch ein Bild malen und vielleicht in Farben ausdrücken, was sich in mir bewegt hat.

Einen Guten Tag.

 

Juli 2021

Anleitung zu einem meditativen Spaziergang

Anleitung zu einem meditativen Spaziergang

  • Wenn sie mögen, nehmen Sie sich Zeit für einen Spaziergang. Gehen Sie bewusst und achtsam und nehmen sie zunächst die Natur um sich wahr – Blumen, Blätter, Vögel, Bienen … und lassen Sie auf sich wirken, was Sie gerade anspricht. Verweilen Sie dabei, ohne zu bewerten.
  • Wenn sie mögen, nehmen Sie die Impulse aus dem Sonnengesang des heiligen Franziskus auf den nächsten beiden Seiten zur Hand. Sie finden dort Auszüge seines Gebetes, das er noch an seinem Lebensende verfasst hat. Vielleicht mögen sie einem oder zwei Impulse jetzt nachgehen und sie spazierend und meditierend für sich bedenken.

Der Sonnengesang des hl. Franziskus mit Impulsfragen
  1. Gelobt seist du, mein Herr,
    mit allen deinen Geschöpfen,
    zumal dem Herrn Bruder Sonne;
    er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn. Und schön ist er und strahlend in großem Glanz, dein Sinnbild, o Höchster.
    • Ich lasse mich von der Sonne bescheinen.
    • Wer ist für mich wie eine Sonne?
    • Wem schenke ich Wärme und Licht?
     
  2. Gelobt seist du, mein Herr,
    durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken
    und heiteren Himmel und jegliches Wetter,
    durch das du deinen Geschöpfen den Unterhalt gibst.
    • Ich atme bewusst ein und aus. Was tue ich, um die Luft rein zu halten?
    • Wann bleibt mir die Luft weg?
    • Gebe ich anderen genügend Raum und Luft zum Leben?
     
  3. Gelobt seist du, mein Herr,
    durch Schwester Wasser, gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.
    • Ich trinke langsam einen Schluck Wasser.
    • Gehe ich sorgsam mit Wasser um?
    • Aus welcher Quelle lebe ich?
     
  4. Gelobt seist du, mein Herr,
    durch Bruder Feuer,
    durch das du die Nacht erleuchtest;
    und schön ist es und liebenswürdig und kraftvoll und stark
    • Feuer ist ein Zeichen für Begeisterung. Für wen oder was bin ich Feuer und Flamme?
     
  5. Gelobt seist du, mein Herr,
    durch unsere Schwester, Mutter Erde,
    die uns ernährt und lenkt
    und vielfältige Früchte hervorbringt
    und bunte Blumen und Kräuter.
    • Ich schaue mir bewußt die Bäume und Blumen an und danke für sie.
    • Ist es mir wichtig, mich für die Erhaltung der Schöpfung einzusetzen? Was kann ich konkret tun?
    • Was trägt mich und erhält mich am Leben?
     
  6. Gelobt seist du, mein Herr, durch unseren Bruder, den leiblichen Tod;
    ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.
    und bunte Blumen und Kräuter.
    • Ich denke an verstorbene Familienmitglieder oder Freunde.
    • Wie gehe ich mit dem unentrinnbaren Tod um?

 

September 2021

Predigt beim Abschlussgottesdienst des Kurses „Kloster auf Zeit für 16- 26Jährige“

von Pastor Michael Grimmsmann, Referat für die Förderung von theologischem Nachwuchs der ev.-luth. Landeskirche Hannovers

Den Körper spüren

Geh Abraham. – Sprach Gott. Und Abraham packte und ging.
Hagar packte und ging. Und es erschien ihr ein Engel. Und sie sprach zu ihr. Und Hagar kehrte um und blieb.
Petrus. Stand, hörte, zog die Fische aus dem Wasser und ging dann auch.

Und wir kamen an im Kloster. Vielleicht am Freitag, als ein Cent in der Hose war, mit einem Kleid ohne Taschen und einem ausgeblichenen Schuh.
Vielleicht kamen wir auch später an.
Als die Stimme kräftiger wurde beim Morgengebet. Als ich schon auf den Lichtvollen Abendabschluss wartete.
Als ich durch eine andere entdeckte, was in mir verborgen lag.
Irgendwann war ich da.

Was passiert mit meinem Ankommen, wenn ich nun aufbreche?

Manchmal sehne ich mir die Sicherheit von Abraham herbei.
Dass ich weiß, warum ich meine Sachen packe.
Dass ich wie Hagar weiß, warum ich umkehre.
Dass ich liegen lasse, was ich eben noch nicht loswurde.
Dass Gott spricht und ich weiß oder besser noch: Dass Gott spricht und ich spüre, diese Sicherheit: Ich werde gut ankommen.
Das wäre so schön.

Paulus schreibt: Jede von Euch ist ein Teil von dem Leib Christi. Du bist eine Nachbarin von dem Petrus, der alles änderte. Ein Bruder von dem Gefühl, dass Gott dich sieht, eine Schwester von dem Aufbruch Abrahams.
Du bist ein Teil davon.
Du bist da schon angekommen.

Und immer noch sehne ich diese Sicherheit herbei: Dass ich das Lachen vom Mittagstisch noch morgen und übermorgen höre; dass ich den aufwühlenden Gedanken tragen kann, auch ohne diese Klostersäulen.
Ich bin ein Teil, von dem Leib Christi.
Wie ich das wohl spüre?

Ich hatte eine Idee. Ich wollte einmal etwas anders machen. Das viel mir wieder ein, als Philipp von den Motorsägen erzählte.
Ich wollte etwas anders machen.
Normalerweise habe ich einen bestimmten Ablauf am Tag.
Nach meinen ersten Jahren im Dorf hatte ich Lust, etwas Neues zu lernen. Für mich war es etwas verrückt, für die anderen im Dorf war es schon fast normal. Ich wollte einen Kettensägenführerschein machen. Also habe ich mich für einen Kurs angemeldet. Zwei Tage lang war ich wieder der völlige Anfänger. Hatte von nichts eine Ahnung. Weder von Bäumen, noch von Motoren, noch von Kettensägen. Also habe ich gelernt. Ich war aufgeregt – ist nämlich ganz schön gefährlich. Und ich war aufgeregt – ich wollte mich ja nicht blamieren.
Benzin mit Öl mischen, in die Motorsäge einfüllen. Schutzkleidung tragen. Dann die Motorsäge in die richtige Position bringen und anschalten. Das war laut. Es stank. Und dann ging es daran den Baum zu zerlegen. Zwei Tage und danach kam ich nach Hause.
Ich hatte verschiedene Dinge mitgebracht. Eine Bescheinigung über den Lehrgang und einen riesigen Muskelkater.
Noch nach der Dusche fühlte sich der ganze Körper nach Sägen an. Völlig fertig.
Da macht man einmal etwas anders und schon spüre ich den Körper.

4 Tage im Kloster liegen hinter uns. Für uns war es ganz anders als normal. Dazu gehörte auch die Körperwahrnehmung. Mit einem Mal ist Luft da, um etwas zu spüren. Den großen Zeh am linken Fuß, die Sehnsucht, die Zufriedenheit.
Wenn etwas ganz anders ist, fange ich an den ganzen Körper zu spüren.
Ich ahne, dass das manchmal auch einen Muskelkater hervorgebracht hat.

„Du bist ein Teil von dem Leib Christi.“
Wenn ich etwas ganz anders mache, dann höre ich manchmal meinen Nachbarn Petrus, der den Mut hatte aufzubrechen. Fast so wie die Nachbarin im Gästehaus, die früher aufsteht.
Oder ich höre meine Nachbarin Hagar, die von der Stimme erzählt, fast so wie Nachbarin, die Podcast hört.
Oder ich sehe das Hab und Gut von Abraham, das ich auf den Weg macht. Fast so wie den einen, der viel zu früh anfängt den Nachtisch zu essen.
Wer auf das andere hört und das andere entdeckt, entdeckt sich selbst.
Das fühlt sich manchmal an, wie Muskelkater oder wie Heimat.
Wie Aufbrechen und merken, dass ich schon da bin bei Gott.

Bibeltext
Ich lese aus dem 1. Korintherbrief.

[1. Korinther 12, 12ff (Basisbibel)]
12Es ist wie beim menschlichen Körper:
Er bildet eine Einheit und besteht doch aus vielen Körperteilen.
Aber obwohl es viele Teile sind, ist es doch ein einziger Leib. So ist es auch mit Christus. 13Denn als wir getauft wurden, sind wir durch den einen Geist
alle Teil eines einzigen Leibes geworden –egal ob wir Juden oder Griechen, Sklaven oder freie Menschen waren. Und wir sind alle von dem einen Heiligen Geist erfüllt worden.
14Der menschliche Körper besteht ja nicht aus einem einzigen Teil, sondern aus vielen.15Selbst wenn der Fuß sagt: »Ich bin keine Hand, ich gehöre nicht zum Körper.« Gehört er nicht trotzdem zum Körper?16Und wenn das Ohr sagt: »Ich bin kein Auge, ich gehöre nicht zum Körper. «Gehört es nicht trotzdem zum Körper? 17Wenn der ganze Körper ein Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? Wenn er ganz Gehör wäre, wo bliebe der Geruchssinn?
18Nun hat Gott aber jedem einzelnen Körperteilseinen Platz am Körper zugewiesen, so wie er es wollte. 19Wenn aber das Ganze nur ein Körperteil wäre, wie käme dann der Leib zustande?20Nun sind es zwar viele Teile, aber sie bilden einen Leib.
21Deshalb kann das Auge nicht zur Hand sagen: »Ich brauche dich nicht.« Oder der Kopf zu den Füßen: »Ich brauche euch nicht.« 22Vielmehr sind gerade die Teile des Körpers, die schwächer zu sein scheinen, umso notwendiger. 23Die Teile des Körpers, die wir für weniger ansehnlich halten, kleiden wir mit besonderer Sorgfalt. Und wenn wir uns wegen bestimmter Körperteile schämen, achten wir darauf, dass sie anständig bedeckt sind.24Unsere anständigen Körperteile haben das nicht nötig. Doch Gott hat den Leib zusammengefügt. Er hat dafür gesorgt, dass die unscheinbaren Körperteile besonders geehrt werden.25Denn im Leib darf es keine Uneinigkeit geben, sondern alle Teile sollen füreinander sorgen.26Wenn ein Teil leidet, leiden alle anderen Teile mit. Und wenn ein Teil geehrt wird, freuen sich alle anderen Teile mit.
27Ihr seid nun der Leib von Christus! Jeder Einzelne von euch ist ein Teil davon.

Begabt sein…
Gott sei Dank, gibt es die anderen, die mich spüren lassen, wer ich bin. Und den ganz anderen Gott, in dem ich ankomme, auch wenn ich aufbreche.

Wir habe ein Stempelkissen mitgebracht. Ich hoffe, dass Ihr Euch darauf einlassen könnt, Eure Finger dreckig zu machen.
Ich würde gerne mit Euren Fingerabdrücken eine Person entstehen lassen. Ohne Vorgaben, jede so wie sie mag. Ihr nehmt einfach einen Eurer Finger, mit dem ganz individuellen Fingerabdruck und dann setzt ihr ihn auf das Bild.

Aktion

Es sind viele Glieder, aber es ist ein Körper.
Gott braucht Dich.
Sei dir dessen gewiss. Gott gibt dir Kraft.
Merke es, wenn Du schwach bist.
Gott hält Dich an ihm und uns fest. Amen.

 

Oktober 2021

Einübung in die Dankbarkeit

Einübung in die Dankbarkeit:

Dankbarkeit heißt die Dinge zu ihrem Ursprung zurückführen. Gott ist letztlich der Geber aller Dinge. Wenn ich danke, denke ich an den, von dem alles kommt, an die Quelle alles Guten. So gehört zur Dankbarkeit, die Bereitschaft, sich zu verdanken, abhängig zu sein, zu vertrauen. Ich lasse jemand anderes in mein Leben ein. Das vielleicht etwas veraltete Wort „Präsent“ für Geschenk deutet an, dass der Geber des Geschenkes in meinem Leben „präsent“, anwesend ist.

Wenn wir alles, was wir jeden Tag erleben, aus Gottes Hand nehmen, wird alles durchsichtig auf ihn hin. Es bekommt alles einen neuen Glanz. Ich merke, wenn ich täglich für meine Schwestern und alle Mitarbeitenden im Kloster danke, sehe ich sie in einem guten Licht. Es entsteht eine Atmosphäre der Achtsamkeit zwischen uns.

Dankbarkeit versteht sich nicht von selbst. Immer wieder will Unzufriedenheit und Undankbarkeit sich bei uns einschleichen. Sie ist eine Grundkrankheit unserer Zeit und macht uns krank und unzufrieden, obwohl wir in unserem Land Überfluss haben und manchmal an der Fülle der Möglichkeiten und Dinge ersticken. Eine dankbare Haltung ist ein Geschenk Gottes. Aber es braucht eine Einübung der dankbaren Haltung.

Ich kenne jemand, der sich jeden Abend, wenn er schon im Bett liegt fragt: Welche drei Blumen sind mir heute aufgeblüht, welche drei Sachen habe ich heute erlebt, für die ich Gott danken kann. Und er erlebt, dass es oft ein ganzer Blumenstrauß wird. Das ist ein Geheimnis. Versuchen Sie das mal.

Ein Wort, das mir viel bedeutet von Gabriel Marcel, einem christlichen Philosophen, heißt: "Dankbarkeit ist die Wachsamkeit der Seele gegen die Kräfte der Zerstörung." Dankbarkeit ist heilend, ja sie ist heilsam. Wer danken kann, wird ein glücklicher zufriedener Mensch. Er kann empfangen und schenken.

Dietrich Bonhoeffer spricht in seinen Briefen aus dem Gefängnis viel über Dankbarkeit. Dabei nimmt das dankbare Denken an befreundete Menschen einen großen Raum ein. Er sagt: „Es gibt aber kaum ein beglückenderes Gefühl, als zu spüren, dass man für andere Menschen etwas sein kann. Dabei kommt es gar nicht auf die Zahl, sondern auf die Intensität an. Schließlich sind menschliche Beziehungen doch einfach das Wichtigste im Leben; daran kann auch der moderne ‚Leistungsmensch‘ nichts ändern.“ (Brief aus der Haft 1944).

Und an seine Verlobte Maria von Wedemeyer schreibt er: „Du schriebst neulich, man habe so wenig davon, dass etwas Vergangenes schön und gut gewesen sei; wenn es einmal vorüber sei. Auch ich habe gerade im letzten Jahr, besonders im Anfang, oft mit diesen Gedanken gekämpft. Aber ich habe gefunden, dass es sehr gefährlich und falsch ist, dass man ihm keinen Raum geben darf. Wir dürfen unsere Vergangenheit nicht verlieren, sie gehört zu uns und soll ein Stück von uns bleiben, sonst geraten wir in Unzufriedenheit oder Schwermut. Wir müssen alles Vergangene immer wieder durch das Reinigungsbad der Dankbarkeit und der Reue gehen lassen; dann gewinnen und halten wir uns das Vergangene. Gewiss, es ist Vergangenheit, aber es ist meine Vergangenheit und als solche bleibt sie gegenwärtig durch tiefe, selbstlose Dankbarkeit für Gottes Gaben.“ (Brautbriefe Zelle 92, S. 176)

Das kann zu einer Übung der Dankbarkeit anregen:

Vergegenwärtigen Sie sich einen Menschen, der für Ihren Lebensweg besonders wichtig (gewesen) ist.

  • Was habe ich diesem Menschen zu verdanken?
  • Was hat er in mir geweckt, gefördert, entdeckt?
  • Was ist durch ihn aufgeblüht oder in eine bestimmte Richtung gelenkt worden?

Sie können sich dazu auch einige Notizen machen, Begegnungen aufschreiben oder ein Symbol malen.

 

November 2021

Geistliche Schriftbetrachtung zu 1. Könige 19,1-8

Geistliche Schriftbetrachtung zu 1. Könige 19,1-8

Ich mache mir zunächst bewusst, wie ich jetzt da sein kann:
Meine Füße oder Beine sind verbunden mit dem Boden, der mich trägt.

Ich spüre den Kontakt durch die Kleidung zur Sitzfläche.

Mein Rücken ist aufgerichtet, die Wirbelsäule gerade, bis hinauf zum Kopf; wie über einen Faden nach oben hin gehalten, sitze ich aufrecht – die Augen geschlossen.

Die Arme und Hände ruhen im Schoß.

Meine Sinne sind nach innen gerichtet: nichts muss ich jetzt um mich herum sehen oder hören.

Ich achte auf meinen Atem, nehme wahr, wie er kommt und geht.

Meine Gedanken sind wie die Wolken am Himmel – ich lasse sie ziehen.

So kann ich nun gegenwärtig sein vor Gott, der mich anschaut mit den Augen der Liebe.

Ich bete:
Gott, du allein weißt,
wie mein Leben gelingen kann.
Lehre mich,
in der Stille deiner Gegenwart
das Geheimnis meines Lebens zu verstehen.
Hilf mir loszulassen,
was mich daran hindert, dir zu begegnen
und mich von deinem Wort ergreifen zu lassen.
Hilf mir zuzulassen,
was in mir Mensch werden will
nach dem Bild und Gleichnis,
das du in mich hineingelegt hast. (Amen.)

Ich lese den Textabschnitt für die Betrachtung aus 1. Könige 19,1-8.

Vor meinen inneren Augen bereite ich mir zunächst den Schauplatz dessen, wovon hier erzählt wird:

Ich sehe die Wüste vor mir: ein bis zum Horizont reichendes Ödland, das dem Auge wenig Abwechslung bietet.

Ein mühsamer, kräftezehrender, lebensfeindlicher Ort – vielleicht weniger für manche Tier- und Pflanzenart, wohl aber für einen Menschen wie mich.

Aus dem Boden ragt eine Strauchpflanze auf – ein Ginsterbusch, ein Wachholderstrauch … Sie bietet ein wenig Schatten.

An diesem Ort kommt Elia erschöpft zur Ruhe.
Ich blicke mit ihm zurück:
Er ist auf der Flucht

und ich frage mich: Kann ich mit Elia mitempfinden? Wo kenne ich das aus meiner eigenen Erfahrung, dass ich vor etwas davonlaufen möchte, vielleicht auch davonlaufen muss, um mich zu retten – um mich in Sicherheit zu bringen?

Elia hat einen aktiven Anteil an der Situation, in die er da geraten ist: Er war im Kampf mit den Propheten des Baal. Es ging um die Wahrheit, um eine kompromisslose Wahrheit, um ein bedingungsloses Ja oder Nein, um eine Auseinandersetzung, die keinen „Ort dazwischen“ erlaubt.
Ich fühle mich in diese Situation, in einen kämpferischen Elia ein.

Es hat im Kampf Verletzungen gegeben, ja Tote. Etwas wurde mit Stumpf und Stiel beseitigt, ausgerissen. Das ist radikal – und ich frage mich: Wie geht es mir mit dieser Herausforderung? Wo stehe ich da? An der Seite Elias? Oder ihm gegenüber? Vielleicht kann ich sogar mehr Nähe zu Isebel empfinden, die sich „ihrer Wahrheit“ verpflichtet und für „ihre Propheten und Priester“ verantwortlich weiß?

Es geht um einen geistigen Streit, um die Unterscheidung der Geister – mit welchen Mitteln soll dies meiner Ansicht nach geschehen?

Auf seiner Flucht hat Elia seinen Diener und Reisegefährten am Rand der Wüste zurückgelassen und ist alleine weitergezogen. Eine gute und kluge Entscheidung?

Bisweilen kann der Rückzug in die Einsamkeit hilfreich und heilsam sein. Es kann aber auch gefährlich werden, wenn man sich von der Hilfe und dem Beistand anderer abschneidet. Ich erwäge das Verhältnis von Begleitung und Alleinsein für mich.

Elia ist im Zwiespalt mit sich selbst. Ich höre ihn sagen: „Ich bin nicht besser als meine Väter.“ Und ich höre in mich hinein, wo ich solche Stimmen kenne, die mir ein schlechtes Zeugnis ausstellen.

Was veranlasst mich zur Resignation, zum Aufgeben, zu dem Satz: „Es hat ja doch keinen Wert“?

Elia ist am Tiefpunkt seines Lebens angekommen: Er möchte sterben. Er sagt: „Es ist genug!“ Kenne ich das aus eigener Erfahrung? Vielleicht sogar aus jüngster Zeit? Vielleicht ist es sogar jetzt in mir – dieses „Es ist genug!“

Und doch gibt es für Elia keine totale Einsamkeit, kein totales Ende. Am Tiefpunkt angekommen wendet er sich an Gott, spricht ihn an, befiehlt seine Seele in dessen Hände. Ich mache mir bewusst, dass auch ich gehalten bin von Gott; dass er noch in der tiefsten Niederlage, die ich empfinde, ansprechbar bleibt; dass er meine Seele noch an ihrem Tiefpunkt in seinen Händen birgt.

Vielleicht kann ich diesem Gefühl zwischen völliger Erschöpfung und Mutlosigkeit einerseits und einem letzten Getragensein durch Gott, in dessen Hände ich mich befehle, in einem eigenen kleinen Gebet Ausdruck verleihen.

Elia legt sich hin und schläft. Schlaf kann Balsam sein für eine erschöpfte Seele.

Dann wird Elia angerührt von einem Engel, einem Boten Gottes. Ist es ein Traum? Ist es Wirklichkeit? Wie auch immer – es ist wohltuend, von einem Engel berührt zu werden.

Elia hört eine Stimme: „Steh auf und iss!“ Und er sieht am Kopfende, wo er lag, ein geröstetes Brot und einen Krug Wasser. Inmitten seiner Erschöpfung werden Elia Zeichen der Ermutigung und der Stärkung zuteil: das Schlafen-Können; das Angerührt-Werden, das ihm zeigt: „Du bist nicht allein“; die auffordernde, aufmunternde Anrede „Steh auf und iss“; die Grundnahrungsmittel Brot und Wasser.

Und all dies geschieht ein zweites Mal. Manches muss zweimal geschehen, damit es für wahr gehalten werden und seine Wirkung entfalten kann. Vielleicht sogar drei- oder viermal und öfter – so lange bis es hilft.

Am Ende ist Elia ein anderer geworden: Er macht sich auf und folgt einem weiten Weg – vierzig Tage und Nächte, in der Kraft, die ihm zuteil wurde. Ich sehe ihn in dieser Kraft einherschreiten, nehme seine neue Entschlossenheit wahr.

Bis zum Berg Horeb, dem Ort einer neuen Gottesbegegnung und eines neuen Auftrags.

Ich nehme mir Zeit für ein kurzes Gebet in der Stille und beschließe es mit dem Vaterunser.

Nun kehre ich zurück an den äußeren Ort, den ich für meine Schriftbetrachtung gewählt habe. Ich nehme mich wieder wahr, wie ich sitze oder knie…, öffne meine Ohren und meine Augen für das, was mich umgibt.

Ich danke Gott mit einer kleinen stummen Geste für seine Gegenwart.

Im Anschluss an diese Betrachtung nehme ich mir Zeit, mir das Wahrgenommene noch einmal zu vergegenwärtigen, den Text aus 1. Könige 19 nochmals für mich zu lesen – vielleicht auch nur in Abschnitten oder einzelnen Versen. Ich nehme mir – vielleicht auch zu einem späteren Zeitpunkt an diesem Tag – Zeit für einen Spaziergang, für eine weitere Gebetszeit oder auch dafür, Gesehenes und Gehörtes zu Papier zu bringen, malend oder schreibend…

 

Krypta